1. Germanien insgesamt ist von Galliern, von den Rätern und Pannoniern durch Rhein und Donau, von den Sarmaten und Dakern durch wechselseitiges Misstrauen oder Gebirgszüge geschieden. Die weiteren Grenzen schließt das Weltmeer ein, breite Landvorsprünge und Inseln von unermesslicher Ausdehnung umfassend: erst unlängst wurden einige Völkerschaften und Könige bekannt, zu denen der Krieg den Zugang eröffnet hat.
Der Rhein, auf unzugänglicher und schroffer Berghöhe der Rätischen Alpen entspringend, wendet sich in mäßiger Biegung nach Westen und mündet sodann in das Nordmeer. Die Donau, einem sanften und gemächlich ansteigenden Rücken des Abnobagebirges entströmend, berührt eine Reihe von Völkern, ehe sie mit sechs Armen ins Schwarze Meer eindringt; eine siebte Mündung verliert sich in Sümpfen.
Anmerkungen:
Germanien insgesamt: Anspielung auf den Anfang von Cäsars "Gallischem Krieg" ("Gallien insgesamt"). Tacitus meint jedoch lediglich das freie Germanien östlich des Rheines, das heißt Germanien ohne die beiden römischen Provinzen Ober- und Untergermanien.
von den Rätern und Pannoniern: Tacitus überspringt die Provinz Noricum (östliches Östereich), die zwischen Rätien (Ostschweiz, westliches Östereich, Bayern zwischen Donau und Inn) und Pannonien (Ungarn) die Nordgrenze des römischen Reiches bildete.
Sarmaten und Daker: die östlichen Nachbarn der Germanen. Die Sitze der Sarmaten erstreckten sich von der Theißebene bis zur Weichselmündung; die Daker wohnten in Siebenbürgen.
Gebirgszüge: die Karpathen
Landvorsprünge und Inseln: Jütland, die dänischen Inseln und Skandinavien, das als Insel galt.
der Krieg: Anspielung auf die Flottenexpedition des nachmaligen Kaisers Tiberius (5 n.u.Zt.), die bis ins Kattegat führte.
Abnobagebirge: der Schwarzwald
