Wodans Erben - germanisch, heidnisch, religiös

Du bist hier: Schrifttum → Tacitus "Germania" → 16. Siedlungsweise und Wohnstätten
16. Siedlungsweise und Wohnstätten

16. Daß die Völkerschaften der Germanen keine Städte bewohnen, ist hinreichend bekannt, ja daß sie nicht einmal zusammenhängende Siedlungen dulden. Sie hausen einzeln und gesondert, gerade wie ein Quell, eine Fläche, ein Gehölz ihnen zusagt. Ihre Dörfer legen sie nicht in unserer Weise an, daß die Gebäude verbunden sind und aneinanderstoßen: jeder umgibt sein Haus mit freiem Raum, sei es zum Schutz gegen Feuersgefahr, sei es aus Unkenntnis im Bauen. Nicht einmal Bruchsteine oder Ziegel sind bei ihnen im Gebrauch; zu allem verwenden sie unbehauenes Holz, ohne auf ein gefälliges oder freundliches Aussehen zu achten. Einige Flächen bestreichen sie recht sorgfältig mit einer so blendendweißen Erde, daß es wie Bemalung und farbiges Linienwerk aussieht. Sie schachten auch oft im Erdboden Gruben aus und bedecken sie mit reichlich Dung, als Zuflucht für den Winter und als Fruchtspeicher. Derartige Räume schwächen nämlich die Wirkung der strengen Kälte, und wenn einmal der Feind kommt, dann verwüstet er nur, was offen daliegt; doch das Verborgene und Vergrabene bemerkt er nicht, oder es entgeht ihm deshalb, weil er erst danach suchen müßte.


Anmerkungen:

keine Städte: Wohl aber kannte man Fluchtburgen.

nicht einmal zusammenhängende Siedlungen dulden: Diese Angabe läßt sich nicht ohne Zwang mit dem übernächsten Satz vereinbaren, wo die Bauweise der Germanen auf mangelnde Kenntnis zurückgeführt wird.

einzeln und gesondert: Dieses Merkmal soll, wie der folgende Satz lehrt, das Siedeln im dörflichen Verbande nicht ausschließen.

gerade wie ein Quell...: So erklären sich die zahlreichen Siedlungsnamen, die auf Gewässer-, Flur- und Waldnamen zurückgehen (Namen auf -bach, -beck, -born, -brunn, -springe, -feld, -wang, -loh, -wald, -busch usw.).

unbehauenes Holz: als ob die Germanen nur den Blockbau gekannt hätten. Wie Funde beweisen, unterschätzt Tacitus das germanische Zimmermannshandwerk.

Einige Flächen...: Diese Nachricht scheint sich nicht auf die von Tacitus erwähnten Blockhäuser, sondern eher auf Fachwerkbauten zu beziehen: deren Felder hatten einen glattgestrichenen Lehmverputz, auf dem sich malen ließ.

Sie schachten auch oft in Erdboden Gruben aus...: Tacitus hat hier offenbar zweierlei zusammengeworfen, die Wohn- und die Vorratsgruben. Nur die Wohngruben wurden mit Dung bedeckt; nur die Vorratsgruben waren verborgen und konnten dem Feind entgehen. Wie die ältere Plinius mitteilt (Naturgeschichte 19, 9), wurden mit Dung bedeckte Gruben auch zum Weben benutzt, offenbar weil die dort herrschende Feuchtigkeit das Austrocknen der Fäden verhinderte.