Wodans Erben - germanisch, heidnisch, religiös

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18. 19. Mitgift und Ehe

18. Gleichwohl halten die Germanen auf strenge Ehezucht, und in keinem Punkte verdienen ihre Sitten größeres Lob. Denn sie sind fast die einzigen unter den Barbaren, die sich mit einer Gattin begnügen; sehr wenige machen hiervon eine Ausnahme, nicht aus Sinnlichkeit, sondern weil sie wegen ihres Adels mehrfach um Eheverbindungen angegangen werden.

Die Mitgift bringt nicht die Gattin dem Manne, sondern der Mann der Gattin. Eltern und Verwandte sind zugegen und prüfen die Gaben, und zwar Gaben, die nicht für die weibliche Eitelkeit und nicht zum Schmuck der Neuvermählten bestimmt sind, sondern Rinder und ein gezäumtes Roß und einen Schild mit Frame und Schwert. Für diese Gaben erhält der Mann die Gattin, die nun auch ihrerseits dem Mann eine Waffe schenkt. Das gilt ihnen als die stärkste Bindung, als geheime Weihe, als göttlicher Schutz der Ehe. Die Frau soll nicht meinen, sie stehe außerhalb des Trachtens nach Heldentaten und außerhalb des wechselnden Schlachtenglücks: gerade die Wahrzeichen der beginnenden Ehe erinnern sie daran, daß sie als Genossin in Mühen und Gefahren kommt, bereit, Gleiches im Frieden, Gleiches im Kampf zu ertragen und zu wagen. Dies bedeuten die Rinder unter gemeinsamen Joch, dies das gerüstete Pferd, dies das Schenken von Waffen. Demgemäß solle sie leben, demgemäß sterben; ihr werde etwas anvertraut, was sie unentweiht und in Ehren an ihre Kinder weiterzugeben habe, was die Schwiegertöchter zu empfangen und wiederum den Enkeln zu vermachen hätten.

19. So leben die Frauen in wohlbehüteter Sittsamkeit, nicht durch lüsterne Schauspiele, nicht durch aufreizende Gelage verführt. Heimliche Briefe sind den Männern ebenso unbekannt wie den Frauen. Überaus selten ist trotz der so zahlreichen Bevölkerung ein Ehebruch. Die Strafe folgt auf der Stelle und ist dem Manne überlassen: er schneidet der Ehebrecherin das Haar ab, jagt sie nackt vor den Augen der Verwandten aus dem Hause und treibt sie mit Rutenstreichen durch das ganze Dorf. Denn für Preisgabe der Keuschheit gibt es keine Nachsicht: nicht Schönheit, nicht Jugend, nicht Reichtum verschaffen einer solchen Frau wieder einen Mann. Dort lacht nämlich niemand über Ausschweifungen, und verführen und sich verführen lassen nennt man nicht >modern<.

Besser noch steht es mit den Stämmen, in denen nur Jungfrauen heiraten und das Hoffen und Wünschen der Frau ein für allemal ein Ende hat. Nur einen Gatten bekommen sie dort, ebenso wie nur einen Leib und ein Leben; kein Gedanke soll weiter reichen, kein Verlangen darüber hinaus anhalten; nicht den Ehemann, sondern gleichsam die Ehe selbst sollen sie in ihm lieben. Die Zahl der Kinder zu beschränken oder ein Nachgeborenes zu töten, gilt für schändlich, und mehr vermögen dort gute Sitten als anderswo gute Gesetze.


Anmerkungen:

zu 18.)

Gleichwohl: obwohl die soeben geschilderte germanische Frauentracht nach römischen Maßstäben anderes erwarten ließe.

fast die einzigen: Auch bei den Iberern und Galliern herrschte die Einehe vor. Die Germanen kannten die Kebsehe; außerdem war es stets möglich, gleichzeitig mit mehreren Frauen vollgütige Ehen zu führen. Daß man sich im allgemeinen mit der Einehe begnügte, hatte sicherlich vor allem wirtschaftliche Gründe.

weil sie wegen ihres Adels...: so z.B., wie Cäsar berichtet, der Suebenfürst Ariovist (Gallischer Krieg 1, 53).

Die Mitgift...: Die ganze Partie ist dunkel und scheint auf Mißverständnisse zu beruhen. Wie bei anderen Völkern, so war auch bei den Germanen der Brautkauf üblich. Die von Tacitus als Mitgift gedeuteten Geschenke machten also den Preis aus, den der Mann an den Brautvater entrichtete. Gelegentlich mag schon damals aus dem kaufpreis ein Geschenk zu Händen der Braut geworden sein (dergleichen ist aus späterer Zeit für die Franken und andere Stämme belegt); dann hat man jedoch schwerlich an den ursprünglichen, von Tacitus genannten Gegenständen, an Roß und Waffen, festgehalten.

Das gilt ihnen...: ein rhetorischer Erguß, der von unrichtigen Vorraussetzungen ausgeht. Tacitus deutet die angeblich der Frau zukommenden, für sie jedoch nicht passenden Gaben als Symbole. Mit den Ausdrücken >geheime Weihe< und >göttlicher Schutz< spielt er auf eine römische Form der Eheschließung sowie auf römische Glaubensvorstellungen an.

ihr werde etwas anvertraut: Der unklare Passus kann nicht auf die Rindergespanne, Pferde usw. zielen; dergleichen läßt sich nicht über Generationen forterben. Tacitus meint also offenbar die Gesinnung, den Geist, den jene angeblichen Symbole ausdrücken sollen.

zu 19.)

lüsterne Schauspiele... aufzeizende Gelage: Hieran durften die Römerinnen zum Schaden ihrer Tugend teilnehmen.

er schneidet... das Haar ab: Diese Art der entehrenden Behandlung wird auch durch weibliche Moorleichen dokumentiert.

mit den Stämmen: Welche Stämme Tacitus hier meint, läßt sich nicht feststellen. Die Römer kannten das Ideal der "nur einmal verheirateten Frau" (univira), dessen Erfüllung oft auf Grabsteinen vermeldet wird.

ein Neugeborenes: d.h. Kinder, die zur Welt kommen, wenn schon Erben vorhanden sind. Die Formulierung des Tacitus ist ungenau: Mißgeburten und Krüppel durften unter bestimmten Voraussetzungen ausgesetzt oder getötet werden.

anderswo: in Rom. Dort hatte Augustus versucht, der zunehmenden Kinderlosigkeit durch Gesetze zu begegnen.