22. Gleich nach dem Schlafe, den sie häufig bis in den lichten Tag hinein ausdehnen, waschen sie sich, öfters warm, da bei ihnen die meiste Zeit Winter ist. Nach dem Waschen speisen sie; jeder hat einen Sitz für sich und einen eigenen Tisch. Dann gehen sie in Waffen an ihre Geschäfte und nicht minder oft zu Gelagen. Tag und Nacht durchzuzechen, ist für niemanden eine Schande. Streitigkeiten sind häufig (es handelt sich ja um Betrunkene); sie enden selten mit bloßen Schimpfreden, öfters mit Totschlag und Blutvergießen. Doch auch über die Aussöhnung mit Feinden, den Abschluß von Heiraten und die Wahl der Stammeshäupter, ja über Krieg und Frieden beraten sie sich vielfach bei Gelagen, als sei der Mensch zu keiner Zeit aufgeschlossener für unverstellte oder stärker entbrannt für erhabene Gedanken. Dieses Volk, ohne Falsch und Trug, offenbart noch stets bei zwanglosem Anlaß die Geheimnisse des Herzens; so liegt denn aller Gesinnung unverhüllt und offen da. Am folgenden Tage verhandeln sie nochmals, und beide Zeiten erfüllen ihrem Zweck; sie beraten, wenn sie sich nicht zu verstellen wissen; sie beschließen, wenn sie sich nicht irren können.
Anmerkungen:
den sie häufig bis in den lichten Tag hinein ausdehnen: so schien es den Römern, da sie den frühen Sonnenaufgang des nördlichen Sommers nicht berücksichtigten. Sie selbst standen zeitig auf, um die weniger warmen Vormittagsstunden auszunutzen.
öfters warm: Andere Quellen wissen nur von kalten Bädern, zumal in Flüssen. Man darf jedoch annehmen, daß in vornehmen germanischen Häusern warmes Waschwasser zur Verfügung stand.
jeder hat einen Sitz für sich...: anders die Römer; sie nahmen die Mahlzeiten liegend ein, und zwar jeweils zu dritt auf Sofas, die um einen gemeinsamen Tisch aufgestellt waren. Die germanischen Quellen nennen übrigens die Bank als das gewöhnliche Sitzgerät.
und nicht minder oft zu Gelagen: eine starke Übertreibung. Das Folgende bezieht sich offensichtlich auf Familienfeiern und Kultfeste. Wie zahlreiche nordische Zeugnisse bestätigen, ging es dabei nicht selten zügellos und hitzig zu.
ja über Krieg und Frieden: Tacitus scheint hier vor allem an die Beratungen der Stammeshäupter zu denken, die den Volksversammlungen vorausgingen (Kap. 11).
