24. Sie kennen nur eine Art von Darbietungen, und bei jeder Festlichkeit dieselbe: nackt stürzen sich junge Männer, denen das Vergnügen macht, im Sprunge zwischen Schwerter und feindlich drohende Framen. Die Übung hat Sicherheit, die Sicherheit Anmut bewirkt, doch nicht um Gewinn oder Entgelt: der einzige Lohn des noch so verwegenen Spiels ist das Vergnügen der Zuschauer.
Das Würfeispiel betreiben sie seltsamerweise in voller Nüchternheit, ganz wie ein ernsthaftes Geschäft; ihre Leidenschaft im Gewinnen und Verlieren ist so hemmungslos, daß sie, wenn sie alles verspielt haben, mit dem äußersten und letzten Wurf um die Freiheit und ihren eigenen Leib kämpfen. Der Verlierer begibt sich willig in die Knechtschaft, mag er auch jünger, mag er kräftiger sein, er läßt sich binden und verkaufen. So groß ist ihr Starrsinn an verkehrter Stelle; sie selbst reden von Treue. Sklaven, die sie auf diese Art gewonnen haben, veräußern sie weiter, um auch sich selbst von der Peinlichkeit des Sieges zu befreien.
Anmerkungen:
nur eine Art Darbietungen: Die Germanen kannten sicherlich noch anderes als den hier geschilderten Schwerttanz; hiervon scheint sich manchens in Volksbräuchen (Hutlerlaufen, Todaustragen, Drachenstich u. a. m.) erhalten zu haben. Die einseitige Hervorhebung des Schwerttanzes braucht nicht auf Unwissenheit zu beruhen; wenn jene anderen Darbietungen damals noch erkennbar mit Kultfeiern zusammenhingen, dann mag Tacitus sich gescheut haben, sie für "Spiele" anzugeben.
denen das Vergnügen macht: Sie führen den Tanz nicht gewerbsmäßig oder gezwungen auf wie die Gladiatoren. Tacitus warnt seine Leser mehrfach vor unangemessenen Identifikationen mit den römischen Verhältnissen.
Das Würfelspiel: Germanische Würfel der frühen Kaiserzeit sind nur vereinzelnt erhalten; sie stammen durchweg aus Gräbern Vornehmer.
in voller Nüchternheit, ganz wie ein ernsthaftes Geschäft: während sie ernsthafte Dinge beim Gelage behandeln; vgl. Kap. 22.
und ihren eigenen Leib: Tacitus hebt emphatisch hervor, was bei einem Wurf um die Freiheit auf dem Spiele steht.
sie selbst reden von Treue: Unter Nero hoben friesische Gesandte in Rom rühmend hervor, niemand übertreffe die Germanen an Tapferkeit und Treue (Tacitus, Annalen 13, 54).
Sklaven, die sie auf diese Art gewonnen haben: Die ganze Partie wirkt unglaubwürdig. Tacitus scheint einzelne Vorkommnisse verallgemeinert und phantasievoll ausgemalt zu haben. Die Motivation für die Weiterveräußerung ist sicherlich von ihm erfunden.
