26. Geldgeschäfte zu betreiben und auch mit den Zinsen zu wuchern, ist unbekannt, und deshalb ist man besser dagegen gefeit, als wenn es verboten wäre. Ackerland nehmen sie in einem Ausmaß, das der Anzahl der Bebauer entspricht, mit gesamter Hand füreinander in Besitz; dann teilen sie es nach ihrem Range unter sich auf. Die Weiträumigkeit der Feldmark erleichtert das Teilungsgeschäft. Sie bestellen Jahr für Jahr andere Felder, und doch bleibt Ackerland übrig. Denn ihr Arbeitsaufwand wetteifert nicht mit der Fruchtbarkeit und Ausdehnung des Bodens: sie legen keine Obstpflanzungen an noch umzäunen sie Wiesen oder bewässern sie Gärten; einzig Getreide soll der Boden hervorbringen. Deshalb teilen sie auch das Jahr nicht in ebenso viele Abschnitte ein. Für Winter, Frühling und Sommer haben sie Begriff und Bezeichnung; der Herbst ist ihnen unbekannt, der Name ebenso wie die Gaben.
Anmerkungen:
auch mit den Zinsen zu wuchern: d.h. Zinseszins zu fordern.
als wenn es verboten wäre: Vgl. den Schluß von Kap. 19. In Rom blühte der Wucher; die "Annalen" des Tacitus nennen ihn ein alteingewurzeltes Übel (6, 16). Die Republik hatte mit geringem Erfolge versucht, ihn zu bekämpfen; während der Kaiserzeit durften höchstens 12% gefordert werden, und Zinseszins war unzulässig. Daß die Germanen keine Geldgeschäfte betrieben, ergab sich mit Notwendigkeit aus dem Vorherrschen der Naturalwirtschaft. (Kap. 5).
Ackerland...: einer der schwierigsten und umstrittesten Partien der "Germania". Tacitus will offensichtlich nicht über die erste Landnahme oder die Neugründung von Dorfgemeinden berichten, sondern über den gewöhnlichen Wirtschaftsbetrieb. Man hat also alljährlich je nach Bedarf einen Teil der vorhandenen Feldmark "in Besitz genommen" (d.h., man hat festgesetzt, welche Fläche von der gesamten Gemeinde bebaut werden solle) und ihn unter die Gemeindeangehörigen verteilt.
und doch bleibt Ackerland übrig: Diese Tatsache ergibt sich bereits aus dem jährlichen Wechsel, der sogenannten Feld- Gras- Wirtschaft. Doch vielleicht will Tacitus andeuten, daß die Flurverteilung auch über mehrere Jahre hin nicht alles anbaufähige Land erfaßte.
Denn ihr Arbeitsaufwand wetteifert nicht...: Es ist richtig, daß sich die extensive Landwirtschaft der Germanen mit der römischen Ackerbau- und Gartenkultur nicht messen konnte. Doch Tacitus behauptet zu viel: Die Germanen haben damals außer Getreide auch Lein und Hanf, ferner Lauch, Möhren, Rüben, Bohnen u. a. angebaut. Außerdem trifft schwerlich zu, daß sie Obstbäume, Wiesen und Gärten überhaupt nicht gekannt hätten.
der Herbst ist ihnen unbekannt...: Das Wort hat ursprünglich "Ernte" bedeutet (vgl. harvest, herbsten) und wurde erste seit späterer Zeit im heutigen Sinne verwendet. Mit den Gaben des Herbstes meint Tacitus wohl vor allem die Obst- und Traubenernte.
