Wodans Erben - germanisch, heidnisch, religiös

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32. 33. 34. Weitere Stämme im Westen

32. Den Chatten zunächst, wo der Rhein noch ein festes Bett hat und als Grenzscheide genügt, wohnen die Usiper und Tenkterer. Die Tenkterer überragen den üblichen Kriegsruhm durch ihre vorzüglich geschulte Reiterei, und ebenso großes Ansehen wie das Fußvolk der Chatten genießt die Reitertruppe der Tenkterer. So führten es die Vorfahren ein und halten es auch die Nachkommen; hierin besteht das Spiel der Kinder, hierin der Wetteifer der Jugend und die ständige Übung der Alten. Wie das Gesinde, der Wohnsitz und alle Rechte der Nachfolge vererben sich auch die Pferde; ein Sohn empfängt sie, doch nicht, wie alles andere, der erstgeborene, sondern jeweils der streitbarste und tapferste.

33. In der Nähe der Tenkterer stieß man einst auf die Brukterer; jetzt sind, wie es heißt, die Chamaver und Angrivarier dorthin gezogen. Denn die verbündeten Nachbarstämme hatten die Brukterer geschlagen und gänzlich ausgerottet, aus Erbitterung über ihren Hochmut oder aus Beutelust oder weil die Götter uns eine Gunst erzeigten; denn sie gewährten uns sogar das Schauspiel der Schlacht. Über Sechzigtausend sind dort gefallen, nicht durch römische Wehr und Waffen, sondern, was noch erhebender ist, ganz zu unserer Augenweide. Es bleibe, so flehe ich, und bestehe fort bei diesen Völkern, wenn nicht Liebe zu uns, so doch gegenseitiger Haß; denn bei dem lastenden Verhängnis des Reiches kann das Geschick nichts Besseres mehr darbieten als die Zwietracht der Feinde.

34. An die Angrivarier und Chamaver schließen sich südostwärts die Dulgubnier und Chasuarier an sowie andere, weniger bekannte Stämme; im Norden folgen die Friesen. Nach der Volkszahl unterscheidet man Groß- und Kleinfriesen. Beide Stämme werden bis zum Weltmeer hin vom Rheine eingesäumt und umgeben zudem unermeßliche Seen, auf denen schon römische Flotten gefahren sind. Ja, selbst auf das Weltmeer haben wir uns dort hinausgewagt, und wie die Kunde verbreitet, gibt es da noch Säulen des Herkules, mag der Held wirklich dorthin gelangt sein oder mögen wir uns angewöhnt haben, alles Großartige in der Welt mit seinem berühmten Namen zu verbinden. Auch hat es dem Drusus Germanicus an Wagemut nicht gefehlt, doch hat die See verhindert, daß man sich über sie und zugleich über Herkules Gewißheit verschaffte. Hernach hat sich niemand mehr getraut, und es galt für frömmer und ehrfürchtiger, an die Taten der Götter zu glauben als von ihnen zu wissen.


Anmerkungen:

zu 32.)

wo der Rhein noch sein festes Bett hat: im Gegensatz zum Mündungsgebiet.

die Usiper und Tenkterer: wohnten am rechten Rheinufer, etwa zwischen Bonn und Xanten. Sie suchten sich in den jahren 56/ 55 v.u.Zt. am linken Stromufer niederzulassen; sie wurden vernichtend von Cäsar geschlagen.

Die Tenkterer überragen...: Daß sie ausgezeichnete Reiter waren, bezeugt auch Cäsar (Gallischer krieg 4, 12).

sondern jeweils der streitbarste und tapferste: Hiernach hätte der Vater einen seiner Söhne vor aller Welt zum Tapfersten erklärt. Die Partie ist auch sonst rhetorisch aufgebaut.

zu 33.)

die Brukterer: an der oberen Ems. Sie nahmen an der Schlacht im Teutoburger Wald (9. n.u.Zt.) und am Bataveraufstand (69/ 70 n.u.Zt.) teil. Die Niederlage, die ihre Nachbarn ihnen beibrachten, war schwerlich so katastrophal, wie Tacitus behauptet.

die Chamaver: östlich der Ijssel.

Angrivarier: an der mittleren Weser.

das Schauspiel der Schlacht: Offenbar konnten die Römer den Kampf von ihrem Lager Castra Vetera (Xanten) aus beobachten.

bei dem lastenden Verhängnis des Reiches: ein in der Forschung lebhaft umstittener Passus. Man sucht ihn gelegentlich positiv zu deuten, etwa so: "bei der vorwärts drängenden Bestimmung des Reiches..." Die Zwietracht der Germanen wäre dann nicht ein willkommenes Surrogat der stagnierenden römischen Außenpolitik, sondern ein unterstützendes Moment für die von Tacitus erhoffte Expansion.

zu 34.)

die Dulgubnier und Chasuarier: an der Aller und an der Hase; die Dulgubnier waren also die östlichen, die Chasuarier die westlichen Nachbarn dr Angrivarier.

Groß- und Kleinfriesen: Die Großfriesen wohnten östlich, die Kleinfriesen südlich des lacus Flevo (Zuidersee).

unermeßliche Seen: Ihre Stelle nimmt seit der Sturmflut des jahres 1287 die Zuidersee ein.

auf denen schon römische Flotten gefahren sind...: zuerst im Jahre 12. v.u.Zt. unter Drusus; die Flotte erreichte damals die Wesermündung. Am weitesten- bis zum Kattegat. drang die Expedition des Tiberius vor (5. n.u.Zt.); vgl. Kap. 1.

Säulen des Herkules: Es könnte Helgolang gemeint sein.

Drusus Germanicus: Tacitus denkt hier offensichtlich an die von Drusus, dem Bruder des Tiberius, geleitete Fahrt des Jahres 12. v.u.Zt.; Germanicus, der Sohn des Drusus, der in den Jahren 15. und 16. n.u.Zt. Nordseefahrten unternommen hat, führte nicht den Namen Drusus.