Wodans Erben - germanisch, heidnisch, religiös

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38. bis 45. Die suebischen Stämme

38. Jetzt habe ich von den Sueben zu berichten. Sie sind nicht, wie die Chatten oder Tenkterer, ein einheitlicher Stamm; sie bewohnen nämlich den größeren Teil Germaniens und gliedern sich wieder in besondere Stämme mit eigenen Namen, wenn sie auch insgesamt als Sueben bezeichnet werden. Ein Kennzeichen des Stammes ist es, das Haar seitwärts zu streichen und in einem Knoten hochzubinden. So unterscheiden sich die Sueben von den übrigen Germanen, so bei ihnen selbst die Freien von den Sklaven. Auch andere Stämme kennen den Brauch, sei es durch Verwandtschaft mit den Sueben oder, wie es häufig geschieht, durch Nachahmung; doch befolgt man ihn selten und nur in der Jugendzeit. Bei den Sueben hingegen kämmen sie bis ins hohe Alter das widerstrebende Haar nach hinten und knüpfen es oft genau auf dem Scheitel zusammen; die Vornehmen tragen es noch kunstvoller. Das ist Schönheitspflege, aber von harmloser Art; denn nicht um zu lieben oder geliebt zu werden, richten sie sich her, sondern um recht groß und furchtbar zu erscheinen, wenn sie in den Krieg ziehen: für das Auge des Feindes ist der Putz bestimmt.

39. Als die ältesten und vornehmsten Sueben betrachten sich die Semnonen. Den Glauben an ihr hohes Alter bestätigt ein religiöser Brauch. Zu bestimmter Zeit treffen sich sämtliche Stämme desselben Geblüts, durch Abgesandte vertreten, m einem Haine, der durch die von den Vätern geschauten Vorzeichen und durch uralte Scheu geheiligt ist. Dort leiten sie mit öffentlichem Menschenopfer die schauderhafte Feier ihres rohen Brauches ein. Dem Hain wird auch sonst Verehrung bezeigt: niemand betritt ihn, er sei denn gefesselt, um seine Unterwürfigkeit und die Macht der Gottheit zu bekunden. Fällt jemand hin, so darf er sich nicht aufheben lassen oder selbst aufstehen; auf dem Erdboden wälzt er sich hinaus. Insgesamt gründet sich der Kultbrauch auf den Glauben, daß von dort der Stamm sich herleite, dort die allbeherrschende Gottheit wohne, der alles andere unterworfen, gehorsam sei. Der Wohlstand der Semnonen erhöht ihr Ansehen: sie bewohnen hundert Gaue, und die Größe ihrer Gemeinschaft veranlaßt sie, sich für den Hauptstamm der Sueben zu halten.

40. Dagegen macht die Langobarden die geringe Zahl berühmt: inmitten zahlreicher, sehr starker Stämme sind sie nicht durch Gefügigkeit, sondern durch Kampf und Wagemut geschützt. Dann folgen die Reudigner, Avionen, Angher, Variner, Eudosen, Suardonen und Nuitonen; ihnen allen gewähren Flüsse oder Wälder Sicherheit. Im einzelnen haben sie nichts Bemerkenswertes, insgesamt aber verehren sie Nerthus, das heißt die Mutter Erde, und glauben, die Göttin nehme teil am Treiben der Menschen, sie fahre bei den Stämmen umher. Es gibt auf einer Insel des Weltmeeres einen heiligen Hain, und dort steht ein geweihter Wagen, mit Tüchern bedeckt; einzig der Priester darf ihn berühren. Er bemerkt das Eintreffen der Göttin im Allerheiligsten; er geleitet sie in tiefer Ehrfurcht, wenn sie auf ihrem mit Kühen bespannten Wagen dahinfährt. Dann folgen frohe Tage; festlich geschmückt sind alle Orte, denen die Göttin die Huld ihrer Ankunft und Rast gewährt. Man zieht nicht in den Krieg, man greift nicht zu den Waffen; verschlossen ist alles Eisen. Dann kennt, dann liebt man nur Ruhe und Frieden, bis die Göttin, des Umgangs mit Menschen müde, vom gleichen Priester ihrem Heiligtum zurückgegeben wird. Dann werden Wagen und Tücher und, wenn man es glauben will, die Gottheit selbst in einem entlegenen See gewaschen. Sklaven sind hierbei behilflich, und alsbald verschlingt sie derselbe See. So herrscht denn ein geheimes Grauen und heiliges Dunkel, was das für ein Wesen sei, das nur Todgeweihte schauen dürfen.

41. Dieser Teil von Suebien reicht bis in die entlegeneren Gebiete Germaniens. Näher - um wie vorhin dem Rhein, so jetzt der Donau zu folgen - wohnt der Stamm der Hermunduren, den Römern treu ergeben. Daher sind sie die einzigen Germanen, die nicht nur am Donauufer, sondern auch im Inneren des Landes und in der prächtigen Kolonie der Provinz Rätien Handel treiben dürfen. Sie kommen allerorten und ohne Beaufsichtigung über die Grenze. Und während wir den übrigen Stämmen nur unsere Waffen und Feldlager zeigen, haben wir den Hermunduren unsere Häuser und Gutshöfe geöffnet; sie sind ja frei von Begehrlichkeit. In ihrem Gebiet entspringt die Elbe, einst ein berühmter und wohlbekannter Fluß; jetzt weiß man von ihm nur durch Hörensagen.

42. Neben den Hermunduren wohnen die Narister und weiterhin die Markomannen und Quaden. Die Markomannen zeichnen sich durch Ruhm und Stärke aus, und sogar ihre jetzigen Wohnsitze, aus denen sie einst die Bojer vertrieben, sind ein Lohn der Tapferkeit. Auch die Narister und Quaden schlagen nicht aus der Art. Diese Gegend ist sozusagen die Stirnseite Germaniens, soweit sie von der Donau gebildet wird. Die Markomannen und Quaden hatten bis auf unsere Zeit Könige aus dem eigenen Stamme, aus dem edlen Geschlecht des Marbod und Tuder; jetzt lassen sie sich auch fremde gefallen. Doch ihre Stellung und Macht verdanken die Könige römischem Einfluß. Wir unterstützen sie selten mit Truppen, öfters mit Geld, und sie stehen sich dabei nicht schlechter.

43. An die Markomannen und Quaden schließen sich weiter rückwärts die Marsigner, Kotiner, Oser und Burer an. Von ihnen geben sich die Marsigner und Burer durch Sprache und Lebensweise als Sueben zu erkennen. Bei den Kotinern beweist die gallische, bei den Osern die pannonische Mundart, daß sie keine Germanen sind, und überdies ertragen sie Ah-gaben: sie müssen sie als landfremde Stämme teils an die Sarmaten, teils an die Quaden entrichten. Die Kotiner fördern sogar Eisen, was sie noch verächtlicher macht.

Alle diese Stämme haben nur wenig ebenes Gebiet; meist wohnen sie auf bewaldeten Höhen. Denn der Kamm einer fortlaufenden Gebirgskette teilt und durchschneidet das Suebenland. Jenseits des Kammes hausen noch zahlreiche Völkerschaften. Von ihnen haben sich die Lugier am weitesten ausgebreitet; sie gliedern sich in mehrere Einzelstämme. Es genügt, die bedeutendsten zu nennen: die Harier, Helvekonen, Manimer, Helisier und Naharnavaler.

Bei den Naharnavalern zeigt man einen Hain, eine uralte Kultstätte. Vorsteher ist ein Priester in Frauentracht; die Gottheiten, so wird berichtet, könnte man nach römischer Auffassung Kastor und Pollux nennen. Ihnen entsprechen sie in ihrem Wesen; sie heißen Alken. Es gibt keine Bildnisse; keine Spur weist auf einen fremden Ursprung des Kultes; gleichwohl verehrt man sie als Brüder, als Jünglinge.

Im übrigen sind die Harier den soeben genannten Stämmen an Kräften überlegen. Ohnehin von schrecklichem Aussehen, kommen sie der angeborenen Wildheit durch Kunst und Ausnutzung der Zeit zu Hilfe. Schwarz sind die Schilde, gefärbt die Leiber; dunkle Nächte wählen sie zum Kampf, und schon das Grauenvolle und Schattenhafte ihres Totenheeres jagt Schrecken ein: kein Feind hält dem ungewohnten und gleichsam höllischen Anblick stand. Denn in jeder Schlacht erliegen ja zuerst die Augen.

44. Nördlich der Lugier leben die Gotonen. Sie werden von Königen beherrscht, schon etwas straffer als die übrigen Germanenstämme, doch nicht bis zum Verlust der Freiheit. Unmittelbar darauf folgen die Rugier und Lemovier; sie wohnen an der Meeresküste. Kennzeichnend für alle diese Stämme sind runde Schilde, kurze Schwerter und Gehorsam gegenüber Königen.

Dann kommen, schon im Meere, die Stämme der Suionen; sie haben außer Männern und Waffen auch starke Flotten. Die Gestalt ihrer Schiffe zeichnet sich dadurch aus, daß beide Enden einen Bug haben und stets eine Stirnseite zum Landen bereit ist. Auch benutzen sie keine Segel, noch machen sie die Ruder in Reihen an den Schiffswänden fest; lose, wie manchmal auf Flüssen, und je nach Bedarf hier oder dort verwendbar ist das Ruderwerk. Bei den Suionen steht auch Reichtum in Ehren, und deshalb herrscht einer, schon ohne jede Beschränkung, mit unwiderruflichem Anrecht auf Gehorsam. Auch sind dort die Waffen nicht, wie bei den übrigen Germanen, in freiem Gebrauch, sondern eingeschlossen, und zwar unter Aufsicht eines Sklaven. Denn plötzliche Überfälle von Feinden verhindert das Meer; außerdem neigen bewaffnete Scharen im Frieden leicht zu Ausschreitungen. Und wahrhaftig, daß kein Adliger oder Freigeborener, nicht einmal ein Freigelassener, die Waffen unter sich habe, ist ein Gebot der königlichen Sicherheit.

45. Nördlich der Suionen liegt abermals ein Meer, träge und nahezu unbewegt. Daß es den Erdkreis ringsum begrenze und einschließe, ist deshalb glaubwürdig, weil der letzte Schein der schon sinkenden Sonne bis zum Wiederaufgang anhält, und zwar so hell, daß er die Sterne überstrahlt. Die Einbildung fügt noch hinzu, man vernehme das Tönen der emportauchenden Sonne und erblicke die Umrisse der Pferde und das strahlenumkränzte Haupt. Dort liegt - und die Kunde ist wahr - das Ende der Welt.

Doch weiter: an seiner Ostküste bespült das suebische Meer die Stämme der Astier. In Brauchtum und äußerer Erscheinung stehen sie den Sueben nahe, in der Sprache eher den Britanniern. Sie verehren die Mutter der Götter. Als Wahrzeichen ihres Kultes tragen sie Bilder von Ebern: die dienen als Waffe und Schutzwehr gegen jede Gefahr und gewähren dem Verehrer der Göttin selbst unter Feinden Sicherheit Selten werden Waffen aus Eisen verwendet, häufiger Knüttel. Getreide und andere Feldfrüchte ziehen die Astier mit größerer Geduld, als die übliche Trägheit der Germanen erwarten läßt. Doch auch das Meer durchsuchen sie, und als einzige unter allen Germanen sammeln sie an seichten Stellen und schon am Strande den Bernstein, der bei ihnen "Glesum" heißt. Was er ist oder wie er entsteht, haben sie nach Barbarenart nicht untersucht oder in Erfahrung gebracht; ja er lag sogar lange Zeit unbeachtet unter den übrigen Auswürfen des Meeres, bis ihm unsere Putzsucht Wert verlieh. Sie selbst verwenden ihn gar nicht; roh wird er gesammelt, unbearbeitet überbracht, und staunend nehmen sie den Preis entgegen. Daß es sich jedoch um den Saft von Bäumen handelt, ist unverkennbar: oft schimmern allerlei kriechende und auch geflügelte Tierchen durch, die sich in der Flüssigkeit verfingen und dann von der erstarrenden Masse eingeschlossen wurden. Wie in entlegenen Gebieten des Ostens, wo die Bäume Weihrauch und Balsam ausschwitzen, so gibt es, möchte ich annehmen, auch auf Inseln und in Ländern des Westens besonders ertragreiche Gehölze und Haine. Deren Säfte quillen unter den Strahlen der nahen Sonne hervor, rinnen flüssig in das angrenzende Meer und werden dann von der Gewalt der Stürme an die gegenüberliegenden Küsten geschwemmt. Bringt man Bernstein ans Feuer, um seine Eigenschaften zu prüfen, so brennt er wie ein Kienspan und gibt eine ölige und stark riechende Flamme; hernach wird er zäh wie Pech oder Harz.

Den Suionen schließen sich die Stämme der Sithonen an. Im allgemeinen den Suionen ähnlich, unterscheiden sie sich dadurch, daß eine Frau die Herrschaft hat: so tief sind sie nicht nur unter die Freiheit, sondern selbst unter die Knechtschaft hinabgesunken.


Anmerkungen:

zu 38.)

sie bewohnen nämlich...: Tacitus rechnet nahezu alle nord- und ostgermanischen Stämme zu den Sueben; in Wahrheit haben wohl nur die Semnonen, die Mainsueben, die Markomannen und die Quaden begründeten Anspruch auf diesen Namen.

Auch andere Stämme kennen den Brauch: Diese Angabe wird durch weitere literarische Quellen sowie durch bildliche Darstellungen bestätigt.

denn nicht um zu lieben...: ein Hieb auf römische Stutzer.

für das Auge des feindes...: Vgl. den Schluß von Kap. 43.

zu 39.)

die Semnonen: Sie saßen östlich der Elbe im Havel- und Spreegebiet; zu Beginn des 3. Jh. erschienen sie als Alemannen oder Sueben (Schwaben) im heutigen Baden- Württemberg.

in einem Haine: Seine Lage ist unbekannt.

auch sonst: d.h. außerhalb der Festzeit.

die allbeherrschende Gottheit: wohl der germanische Kriegsgott Zio oder Tyr (vgl. Kap. 9).

zu 40.)

die Langobarden: (Langbärte) Sie wohnten beiderseits der unteren Elbe. Nach der Abwanderung der Semnonen zogen sie in Ostdeutschland und im Donauraum umher; im Jahre 568 brachten sie unter Alboin Norditalien in ihre Gewalt (Lombardei).

die Reudigner...: Stämme nördlioch der Elbe, vor allem auf der jütischen Halbinsel. Die Anglier wohnten zwischen Schlei und Flensburger Förde; im 6 Jh. eroberten sie England, wobei sich die Sachsen, ihre südlichen Nachbarn, beteiligten. Die Eudosen sind wohl mit den Jüten identisch, einem anglofriesischen Stamme, der ebenfalls nach England zog.

insgesamt: Die hier genannten Völkerschaften hatten sich also zu einem Kultverband zusammengeschlossen.

Nerthus: eine Fruchtbarkeit spendende Ergöttin; Ihr Fest wird im Frühling gefeiert; während der Festzeit herrschte allgemeiner Gottesfriede.

auf einer Insel des Weltmeeres: Ihr Name ist unbekannt.

zu 41.)

wie vorhin dem Rhein: Tacitus hat die westlichen Stämme in einer Reihenfolge behandelt, die einigermaßen dem Lauf des Rheines entspricht (Kap. 30- 34).

Hermunduren: Sie bewohnten das Gebiet vom Südrand des Harzes bis zum oberen Main; aus ihnen gingen die Thüringer hervor.

in der prächtigen Kolonie der Provinz Rätien: in Augusta Vindelicorum (Augsburg).

Sie kommen allerorten...: Im allgemeinen stand der Grenzübertritt der Germanen unter scharfer Bewachung; der Grenzverkehr war auf wenige Orte beschränkt. Da die Grenze im Jahre 98 n.u.Zt. nicht mehr an der Donau, sondern etwa 30 km nördlich der Donau verlief, spricht manches für die Vermutung, daß Tacitus hier einer älteren Quelle folgend Zustände schildert, die zu seiner Zeit der Vergangenheit angehörten.

In ihrem Gebiet entspringt die Elbe: ein Anachronismus. Die Elbquelle hatte zu ihrem Gebiet gehört, ehe sie den Raum zwischen Harz und Main in Besitz nahmen.

einst ein berühmter und wohlbekannter Fluß...: Augustus hatte beabsichtigt, die Elbe zur Grenze des Reiches zu machen; in den Jahren 9 v.u.Zt. bis 5 n.u.Zt. drangen des öfteren römische Heere bis dorthin vor. Die Erhebung des Arminius durchkreuzte den Plan, und Tacitus bedauert, daß man ihn seither hat fallen lassen.

zu 42.)

die Narister: am Fuße des Fichtelgebirges und Böhmerwaldes.

die Markomannen: in Böhmen; vgl. Kap. 28.

Quaden: nördlich der Donau, etwa zwischen Wien und Waitzen.

aus denen die einst die Bojer vertrieben: Sie saßen damals zwischen Main und Donau und mögen die Bojer, ihre Nachbarn, zur Auswanderung genötigt haben.

Marbod: führte sein Volk einige Jahre vor der Zeitenwende nach Böhmen; er wurde im Jahre 19 n.u.Zt. aus seinem Reiche vertrieben.

Tuder: (oder Tudrus) sonst nicht bezeugt.

zu 43.)

die Marsigner: wohl im nördlichen Böhmen.

Kotiner: in Oberungarn.

Oser: Vgl. Kap. 28.

Burer: im nordöstlichen Mähren.

die Sarmaten: die Jazygen, die in der Ebene zwischen Donau und Theiß wohnten.

der Kamm einer fortlaufenden Gebirgskette: das Erzgebirge, das Riesengebirge und die Sudeten.

die Lugier: Die unter diesem Namen zusammengefaßten Stämme waren an der oberen Oder sowie zwischen Oder uns Weichsel ansässig.

einen Hain: vermutlich auf dem Zobtenberg bei Breslau.

Kastor und Pollux: Die Zwillingsbrüder. gennant die Dioskuren (d.h. Söhne des Zeus), wurden von den Griechen und Römern als Nothelfer (z.B. in Schlachten oder auf See) verehrt; die Gewährsleute des Tacitus setzten ihnen die germanischen Alken gleich, die ebenfalls ein hilfreiches Brüderpaar ausmachten (Vidarr und Vali). Ähnliche Kulte waren auch bei anderen indogermanischen Völkern verbreitet.

gefärbt die Leiber: wohl mit Ruß. Die ein Totenherr darstellenden Harier waren möglicherweise eine Einrichtung nach Art der chattischen Kriegerbünde.

zu 44.)

die Gotonen: (oder Goten) einst im östlichen Schweden und auf Gotland beheimatet, saßen damals am rechten Ufer der unteren Weichsel. Sie begannen um 200 n.u.Zt. nach Südrußland abzuwandern.

Unmittelbar darauf...: in westlicher Richtung. Die Rugier waren im Weichseldelta und weiter westlich, die Lemovier an der pommerschen Küste ansässig.

Kennzeichnend für alle diese Stämme: d.h. wohl für die Ostgermanen. Die Funde widersprechen dieser Nachricht: runde Schilde waren auch bei anderen Stämmen verbreitet, und kurze Schwerter gab es überall.

Suionen: in Schweden, das in der Antike als Insel galt.

Die Gestalt ihrer Schiffe: Die Beschreibung des Tacitus wird durch Funde bestätigt. Das berühmte, in Schleswig aufbewahrte Nydamboot entstammt allerdings erst dem 4 Jh. Der Gebrauch von Segeln kam bei den Germanen nicht vor dem 6 Jh. auf. Das Paddeln war nur bei kleineren Schiffen möglich; die größeren, z.B. das Nydamboot, hatten Dollen.

Auch sind dort die Waffen nicht...: Diese Nachricht beruht offensichtlich auf einem Mißverständnis; Tacitus stellt als dauernde Maßregel hin, was lediglich für die Zeit einer Kultfeier galt (vgl. Kap. 40: verschlossen ist alles Eisen).

zu 45.)

träge: Die Fabel vom trägen Nordmeer war in der Antike und im Mittelater weit verbreitet.

Daß es den Erdkreis ringsum begrenze: Tacitus geht davon aus, daß die Erde eine vom Weltmeer umgebene Scheibe sei; diese alte Auffassung wurde auch durch die Lehre der Kugelgestalt (seit dem 5 Jh. v.u.Zt.) nicht völlig verdrängt.

weil der letzte Schein...: Schon die "Odyssee" scheint Kunde von den hellen Nächten des Nordens zu bezeugen; für Tacitus vgl. den "Agricola", Kap. 12.

Die Einbildung fügt noch hinzu...: Der Mythos des von Pferden gezogenen Sonnenwagens war dem Norden schon in der älteren Bronzezeit geläufig. Gleichwohl wird man das hier Angedeutete eher auf antike Vorstellungen zurückzuführen.

Doch weiter: Tacitus kehrt in die Gegend, die er bei seinem zunächst westwärts (Rugier, Lemovier), dann nordwärts (Suionen, Nordmeer) gewandten Gange zur Rechten hatte liegen lassen.

das suebische Meer: die Ostsee

die Stämme der Ästier: also die nachmaligen Preußen, Litauer und Letten, ein Zweig der Indogermanen. Der Name ging später auf die finnisch- ugrischen Esten über.

in der Sprache eher den Britanniern: sicherlich unrichtig.

Bildern von Ebern: Eber- Amulette waren auch bei den Germanen verbreitet.

Glesum: das germanische Wort für Bernstein; vgl. Glas.

ja er lag sogar lange Zeit unbeachtet: In Wahrheit reicht der Bernsteinhandel bis in die Bronzezeit zurück; Bernstein wurde auch dort geschätzt, wo man ihn sammelte.

Sithonen: nördlich der Ästier. Eigenartigerweise behauptet Tacitus, sie seien Nachbarn der Suionen.