5. Das Land zeigt zwar im einzelnen einige Unterschiede; doch im ganzen macht es mit seinen Wäldern einen schaurigen, mit seinen Sümpfen einen widerwärtigen Eindruck. Gegen Gallien hin ist es reicher an Regen, nach Noricum und Pannonien zu windiger. Getreide gedeiht, Obst hingegen nicht; Vieh gibt es reichlich, doch zumeist ist es unansehnlich. Selbst Rindern fehlt die gewöhnliche Stattlichkeit und der Schmuck der Stirne; die Menge macht den Leuten Freude, und die Herden sind ihr einziger und liebster Besitz.
Silber und Gold haben ihnen die Götter- ich weiß nicht, ob aus Huld oder Zorn- versagt. Doch will ich nicht behaupten, daß keine Ader Germaniens Silber oder Gold enthalte; denn wer hat nachgeforscht? Besitz und Verwendung dieser Metalle reizt sie nicht sonderlich. Man kann beobachten, daß bei ihnen Gefäße aus Silber, Geschenke, die ihre Gesandten und Fürsten erhalten haben, ebenso gering geachtet werden wie Tonkrüge. Allerdings wissen unsere nächsten Nachbarn wegen des Handelsverkehrs mit uns Gold und Silber zu schätzen, und sie kennen bestimmte Sorten unseres Geldes und nehmen sie gern; doch im innern herrscht noch einfacher und altertümlicher der Tauschhandel. Von unseren Münzen gelten bei ihnen die alten und seit langem bekannten, die gezahnten und die mit dem Bilde eines Zweigespanns. Silber schätzen sie mehr als Gold, nicht aus besonderer Vorliebe, sondern weil sich der Wert des Silbergeldes besser zum Einkauf alltäglicher, billiger Dinge eignet.
Anmerkungen:
Silber und Gold: Die Angaben über die Edelmetalle sind unrichtig. Nach den "Annalen" (11,20) wurden um 50 n.u.Zt. in der Gegend von Wiesbaden Silbergruben betrieben. Die These, die Germanen hätten Edelmetalle nicht geschätzt, beruht auf einem Vorurteil, auf dem verbreitetem Motiv von der Anspruchslosigkeit der Naturvölker. Gold ist seit der Bronzezeit durch Funde belegt (besonders auf Jütland); Silber wird zuerst von Cäsar für die Germanen bezeugt (Gallischer Krieg 6,28 ).
Münzen: Tacitus erwähnt hier zwei Typen von Denaren, der wichtigsten römischen Silbermünze. Der eine Typ hatte einen sägeartig ausgeschnittenen Rand, der andere zeigte auf einer Seite ein Zweigespann. Beide Typen wurden seit dem Jahre 53 n.u.Zt. nicht mehr geprägt.
