Wodans Erben - germanisch, heidnisch, religiös

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6. 7. 8. Heerwesen

6. Auch an Eisen ist kein Überfluß, wie die Art der Bewaffnung zeigt. Nur wenige haben ein Schwert oder eine größere Lanze. Sie tragen Speere oder, wie sie selbst sagen, Framen, mit schmaler und kurzer Eisenspitze, die jedoch scharf und handlich ist, daß sie dieselbe waffe je nach Bedarf für den Nah- und Fernkampf verwenden können. Selbst der Reiter begnügt sich mit Schild und Frame; die Fußsoldaten werfen auch kleine Spieße, jeder mehrere, und sie schleudern sie ungeheuer weit: sie sind halb nackt oder tragen nur einen leichten Umhang. Prunken mit Waffenschmuck ist ihnen fremd; nur die Schilde bemalen sie mit auffallenden Farben. Wenige haben einen Panzer, kaum der eine oder andere einen Helm oder eine Lederkappe.

Ihre Pferde zeichnet weder Schönheit noch Schnelligkeit aus. Sie werden auch nicht, wie bei uns, zu kunstvollen Wendungen abgerichtet; man reitet geradeaus oder mit einmaliger Schwenkung nach rechts, und zwar in so geschlossener Linie, daß niemand zurückbleibt.

Aufs ganze gesehen liegt ihre Stärke mehr beim Fußvolk; daher kämpfen sie auch in gemischten Verbänden. Hierbei paßt sich die Behendigkeit der Fußsoldaten genau dem Reiterkampfe an: man stellt nur Leute vor die Schlachtreihe, die aus der gesamten Jungmannschaft ausgewählt sind. Auch ist ihre Zahl begrenzt: aus jedem Gau sind es hundert, und eben hiernach werden sie bei den ihren genannt, und was ursprünglich eine Zahlbezeichnung war, gilt nunmehr auch als Ehrenname.

Zum Kampfe stellt man sich in Keilen auf. Vom Platz zu weichen, wenn man nur wieder vordringt, hält man eher für wohlbedacht, nicht für feige. Ihre Toten bergen sie auch in unglücklicher Schlacht. Den Schild zu verlieren, ist eine Schmach ohnegleichen, und der so Entehrte darf weder an Opfer teilnehmen noch eine Versammlung besuchen, und schon mancher, der heil aus dem kriege zurückkehrte, hat seiner Schande mit dem Strick ein Ende gemacht.

7. Könige wählen sie nach Maßgabe des Adels, Heerführer nach der Tapferkeit. Selbst die Könige haben keine unbeschränkte oder freie Herrschergewalt, und die Heerführer erreichen mehr durch ihr Beispiel als durch Befehle: sie werden bewundert, wenn sie stets zur Stelle sind, wenn sie sich auszeichen, wenn sie in vorderster Linie kämpfen. Übrigens ist es nur den Priestern erlaubt, jemanden hinzurichten, zu fesseln oder auch nur zu schlagen, und sie handeln nicht, um zu strafen oder auf Befehl des Herrführers, sondern gewissermaßen auf Geheiß der Gottheit, die, wie man glaubt, den Kämpfenden zur Seite steht. Deshalb nehmen die Germanen auch gewisse Bilder und zeichen, die sie aus den heiligen Hainen holen, mit in die Schlacht.

Besonders spornt sie zur Tapferkeit an, daß nicht Zufall und willkürliche Zusammenrottung, sondern Sippen und Geschlechter die Reiterhaufen oder Schlachtkeile bilden. Und ganz in der Nähe haben sie ihre Lieben; von dorther können sie das Schreien der Frauen, von dorther das Wimmern der Kinder vernehmen. Ihr Zeugnis ist jedem das heiligste, ihr Lob das höchste: zur Mutter, zur Gattin kommen sie mit ihren Wunden, und jene zählen oder prüfen ohne Scheu die Stiche; auch bringen sie den Kämpfenden Speise und Zuspruch.

8. Schon manche wankende und sich auflösende Schlachtreihe wurde, wie es heißt, von den Frauen wieder zum stehen gebracht: durch beharrliches Flehen, durch Entgegenhalten der entblößten Brust und den Hinweis auf die nahe Gefangenschaft, die den germanen um ihrer Frauen willen weit unerträglicher und schrecklicher dünkt. Aus diesem Grunde kann man einen Stamm noch wirksamer binden, wenn man unter den Geiseln auch vornehme Mädchen von ihm fordert.

Die Germanen glauben sogar, den Frauen wohne etwas Heiliges und Seherisches inne; deshalb achten sie auf ihren rat und hören auf ihren Bescheid. Wir haben es ja zur Zeit des verewigten Vespasian erlebt, wie Veleda lange Zeit bei vielen als göttliches Wesen galt. Doch schon vor zeiten haben sie Albruna und mehrere andere Frauen verehrt, aber nicht aus Unterwürfigkeit und als ob sie erst Göttinnen aus ihnen machen müßten.


Anmerkungen:

zu 6.)

kein Überfluß: nach römischen Begriffen. Die Germanen standen damals seit einem halben Jahrtausend in der Eisenzeit.

Nur wenige: übertrieben. Ein Schwert gehörte zur Morgengabe für die Braut.

für den Nah- oder Fernkampf: Der römische Spieß (pilum) diente nur als Wurf-, der römische Speer (hasta) nur als Stoßwaffe.

mit Schild und Frame: Der römische Reiter führte auch ein Schwert.

Prunken mit Waffenschmuck: Dergleichen hätte schlecht zu dem einfachen Naturvolk gepaßt, als das Tacitus die Germanen hinstellt. Nach Kap. 15 freuten sich die Stammeshäupter über prächtige waffen.

Schilde bemalen: Der Brauch des Schildbemalens lebt im Worte >schildern< fort. Einzelne Stämme bevorzugten bestimmte Farben (vgl. Kap. 43); man mag auch damals schon wappenartige Symbole und die Darstellung von Szenen gekannt haben.

Schwenkung nach rechts: mit ausgerichteter Front, die sich wie ein Radius um den am weitesten rechts stehenden Reiter dreht.

vor die Schlachtreihe: Die gemischten Verbände dienten also nur zur Eröffnung des Kampfes.

bei den ihren genannt: also etwa >die Hunderter<.

zu 7.)

Könige: Tacitus kennt mehr monarchisch und mehr aristokratisch regierte Stämme; bei den monarchisch regierten war der König im allgemeinen zugleich Heerführer. Das germanische Königtum übte nur eine eingeschränkte Gewalt aus; es war an die Beschlüsse der Volksversammlung (Thing) gebunden.

gewisse Bilder und Zeichen: offenbar Nachbildungen der Tiere, die den einzelnen Göttern heilig waren; nach Kap. 9 kommen Götterbilder, jedenfalls menschengestaltige, nicht in Betracht.

und ganz in der Nähe: Frauen und Kinder wurden nur bei Wanderzügen auf Wagen mitgeführt. Tacitus macht um der wirkungsvollen Darstellung willen die Ausnahme zur Regel.

zu 8.)

Schlachtreihe: An welche Schlachten Tacitus denkt, ist unbekannt. Vielleicht hat er ein einzelnes Vorkommnis verallgemeinert.

Entgegenhalten der entblößten Brust: Die Geste sollte den Männern vor Augen führen, daß die Frauen im Falle einer Niederlage dem Feinde preisgegeben sein würden.

etwas Heiliges und Seherisches: Germanische Wahrsagerinnen sind in großer Zahl bezeugt. Die hier erwähnte Veleda, aus dem Stamme der Brukterer, brachte es während des Bataveraufstandes (60/ 70 n.u.Zt.) zu erheblichem politischem Einfluß. Sie hauste in einem Turm; ein Verwandter übermittelte ihre Bescheide an die Außenwelt. Sie geriet schließlich in römische Gefangenschaft. Über Albruna ist nichts Näheres bekannt.

aber nicht aus Unterwürfigkeit: sarkastischer Seitenhieb auf Rom. Dort wurden des öfteren weiblichen Angehörigen des Kaiserhauses nach ihrem Tode göttliche Ehren zuerkannt, z.B. der Drusilla, der Schwester des kaisers Caligula, oder gar einer mit drei Monaten verstorbenen Tochter Neros.