Wodans Erben - germanisch, heidnisch, religiös

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9. 10. Götterkult und Vorzeichenglaube

9. Von den Göttern verehren sie am meisten den Merkur (Wodan); sie halten es für geboten, ihm an bestimmten Tagen auch Menschenopfer darzubringen. Herkules (Donar) und Mars (Zio) stimmen sie durch bestimmte Tiere gnädig. Ein Teil der Sueben opfert auch der Isis. Worin der fremde Kult seinen Grund und Ursprung hat, ist mir nicht recht bekannt geworden; immerhin beweist das Zeichen der Göttin- es sieht wie eine Barke aus-, daß der Kult auf dem Seewege gekommen ist.

Im übrigen glauben die Germanen, daß es der Hoheit der Himmlischen nicht gemäß sei, Götter in Wände einzuschließen oder irgendwie der menschlichen Gestalt nachzubilden. Sie weihen ihnen Lichtungen und Haine, und mit göttlichen Namen benennen sie jenes geheimnisvolle Wesen, das sie nur in frommer Verehrung erblicken.

10. Auf Vorzeichen und Losorakel achtet niemand so viel wie sie. Das Verfahren beim Losen ist einfach. Sie schneiden von einem fruchttragenden Baum einen Zweig ab und zerteilen ihn in kleine Stücke; diese machen sie durch Zeichen kenntlich und streuen sie planlos und wie es der Zufall will auf ein weißes Laken. Dann betet bei einer öffentlichen Befragung der Stammespriester, bei einer privaten der Hausvater zu den Göttern, hebt, gen Himmel blickend, nacheinander drei Zweigstücke auf und deutet sie nach den vorher eingeritzten Zeichen. Lautet das Ergebnis ungünstig, so findet am gleichen Tage keine Befragung mehr über denselben Gegenstand statt; lautet es jedoch günstig, so muß es noch durch Vorzeichen bestätigt werden.

Und der verbreitete Brauch, Stimme und Flug von Vögeln zu befragen, ist auch hier bekannt; hingegen ist es eine germanische Besonderheit, auch auf Vorzeichen und Hinweise von Pferden zu achten. Auf Kosten der Allgemeinheit hält man in den erwähnten Hainen und Lichtungen Schimmel, die durch keinerlei Dienst für Sterbliche entweiht sind. Man spannt sie vor den heiligen Wagen; der Priester und der König oder das Oberhaupt des Stammes gehen neben ihnen und beobachten ihr Wiehern und Schnauben. Und keinem Zeichen schenkt man mehr Glauben, nicht etwa nur beim Volke: auch bei den Vornehmen, bei den Priestern; sich selbst halten sie nämlich nur für Diener der Götter, die Pferde hingegen für deren Vertraute.

Sie beachten noch eine andere Art von Vorzeichen; hiermit suchen sie den Ausgang schwerer Kriege zu erkunden. Sie bringen auf irgendeine Weise einen Angehörigen des Stammes, mit dem sie Krieg führen, in ihre Gewalt und lassen ihn mit einem ausgewählten Manne des eigenen Volkes, jeder in den Waffen seiner Heimat, kämpfen. Der Sieg des einen oder anderen gilt als Vorentscheidung.


Anmerkungen:

zu 9.)

Merkur: Gemeint ist Wodan. Die Römer pflegten fremde Gottheiten ihrer eigenen gleichzusetzen; hierbei richteten sie sich nach der Ähnlichkeit der Attribute und Machtbereiche. Wodan hat ähnliche Funktionen wie merkur: er ist der Gott der Erfindungen und des Verkehrs; er geleitet die Toten ins Jenseits. Die Gleichung Merkur- Wodan läßt sich noch an den westeuropäischen Bezeichnungen für Mittwoch ablesen (mercredi= wednesday, niederländisch woensdag).

Menschenopfer: wurden von einzelnen Stämmen auch anderen Göttern dargebracht; vgl. Kap. 39/ 40.

Herkules: Hier ist der germanische Gott Donar gemeint, der ebenfalls als starker Esser und Trinker gilt, über große Leideskräfte gebot und allerlei Ungeheuer bekämpft. Später wurde Donar mit Jupiter identifiziert; beiden Gottheiten ist die Waffe des Blitzes gemeinsam; vgl. jeudi= Donnerstag.

Mars: entspricht Zio (ahd.) oder Tyr (altnordisch), dem germanischen Kriegsgott; vgl. mardi= tuesday, schwedisch tisdag. Die Bezeichnung Dienstag geht auf einen anderen Namen derselben Gottheit, auf Mars Thingsus, zurück.

durch bestimmte Tiere: Die Worte können auch >durch erlaubte Lebewesen< bedeuten, im gegensatz zu den Menschenopfern, die nach römischer Anschauung unerlaubt waren.

Isis: Anders als bei den vorhergenannten Gottheiten denkt Tacitus hier an einen fremden, bei den Germanen von auswärts eingeführten Kult; zu diesem Schluß verleitet ihn das den Germanen schon in der Bronzezeit geläufige Schiffssymbol. Vielleicht ist die hier erwähnte Isis mit Nerthus (Kap. 40) identisch; beide Göttinnen werden durch Umzüge gefeiert, bei denen man einen Schiffskarren mitführt.

im übrigen glauben die Germanen: Die Motive, auf die Tacitus den bildlosen Götterkult der Germanen zurückführt, entstammen der antiken Philosophie. Im übrigen beweisen Funde, daß es bei den Germanen sehr wohl menschengestaltige Götterfiguren gegeben hat; sie waren aus Holz.

zu 10.)

einfach: im Gegensatz zum römischen Verfahren. Mit dem fruchttragenden Baum ist wohl eine Eiche oder Buche gemeint. Die Zeichen, mit denen die Zweigstücke versehen werden, sind Runen; jene Zeichen dienten dort schon als Buchstaben.

Stammespriester: der Priester am Stammesheiligtum neben der Thingstätte, wie er auch sonst bezeugt ist.

Flug von Vögeln: Hierbei kam es auf die Richtung an; die rechte Seite galt für günstig.

germanische Besonderheit: In Wahrheit haben auch die Griechen und Perser Pferdeorakel gekannt.

auch bei den Vornehmen: im Gegensatz zu Rom, wo die oberen Schichten die- für viele Handlungen des Staates zwingend vorgeschriebene- Vorzeichenschau nicht mehr ernst zu nehmen pflegten. "Er wundere sich, sagte Cato, daß ein Wahrsager nicht lachen müsse, wenn er einem anderen Wahrsager begegne." (Cicero, über die Kunst der Weissagung 2, 51). Die Schilderung des Tacitus erweckt den Eindruck, als habe man eigens, um ein Orakel zu erhalten, den heiligen Wagen bespannt. In Wirklichkeit handelt es sich wohl um regelmäßige Kultfeiern, und bei dieser Gelegenheit wird man das Verhalten der Pferde besonders aufmerksam beobachtet haben.

sich selbst: bezieht sich vor allem auf die Priester.

Sie beachten: Hier scheint ein Mißverständnis vorzuliegen. Durch derartige Einzelkämpfe konnte man Kriege austragen; daß man sie benutzt habe, den weiteren Verlauf zu erkunden, ist sonst nirgends bezeugt.