11. über geringere Angelegenheiten entschieden die Stammeshäupter, über wichtigere die Gesamtheit; doch werden auch die Dinge, für die das Volk zuständig ist, zuvor von den Stammeshäuptern beraten. Man versammelt sich, wenn nicht ein zufälliges und plötzliches Ereignis eintritt, an bestimmten Tagen, bei Neumond oder Vollmond; dies sei, glauben sie, für Unternehmungen der gedeihlichste Anfang. Sie rechnen nicht nach Tagen, wie wir, sondern nach Nächten. So setzen sie Fristen fest, so bestimmen sie die Zeit: die Nacht geht nach ihrer Auffassung dem Tage voran.
Ihre Ungebundenheit hat eine üble Folge: sie finden sich nie gleichzeitig und nicht wie auf Befehl zur Versammlung ein; vielmehr gehen über dem Säumen der Eintreffenden zwei oder drei Tage verloren. Sobald es der Menge beliebt, nimmt man Platz, und zwar in Waffen. Ruhe gebieten die Priester; sie haben jetzt auch das Recht zu strafen. Dann hört man den König an oder die Stammeshäupter, jeweils nach dem Alter, nach dem Adel, nach dem Kriegsruhm, nach der Redegabe; hierbei kommt es mehr auf Überzeugungskraft an als auf Befehlsgewalt. Mißfällt ein Vorschlag, so weist man ihn durch Murren ab; findet er jedoch Beifall, so schlägt man die Framen aneinander. Das Lob mit den Waffen ist die ehrenvollste Art der Zustimmung.
Anmerkungen:
Über geringere Angelegenheiten: Was eine geringere, was eine wichtige Angelegenheit war, bleibt ungesagt. Nach Kap. 13 konnte die Wehrhaftmachung nur von der Gesamtheit vollzogen werden.
man versammelt sich: Es gab regelmäßige und daher nicht besonders einberufene (ungebotene) sowie außerordentliche (gebotene) Things. Tacitus läßt unerwähnt, daß die Things auch an bestimmten Orten, an den Thingstätten, abgehalten wurden.
bei Neumond oder Vollmond: es knüpfte sich an die Zu- und Abnahme des Mondes vielfältiger Aberglaube. Vgl. Cäsar, Gallischer krieg 1, 50: Die Sueben Ariovists fürchteten zu unterliegen, wenn sie sich vor dem Neumonde auf eine Schlacht einließen.
nach Nächten: weil man die Zeit nach dem Monde und seinem Wechsel berechnete. Cäsar berichtet dasselbe von den Galliern (Gallischer krieg 6, 18 ). Auf diesen germanischen Brauch gehen Ausdrücke wie Fastnacht, sevennight, fortnight zurück.
nicht wie auf Befehl: Für die ungebotenen Things brauchte kein besonderer Befehl zu ergehen. Die Kritik des Tacitus läßt außer acht, daß die Reise zur Thingstätte schwierig und die Zeitbestimmung ungenau war.
nimmt man Platz und zwar in Waffen: beides im Gegensatz zur römischen Volksversammlung, in der man unbewaffnet stand.
Priester: Sie hatten den Thingfrieden zu wahren; ihre Strafgewalt war auf die Volksversammlung und den Heerbann (Kap. 7.) beschränkt.
schlägt man die Framen aneinander: Wahrscheinlich schlug man vor allem auf die Schilde. Cäsar läßt sich ähnlich über die Gallier vernehmen (Gallischer Krieg 7. 21). Auch durch Stampfen und Zurufe wurde Beifall gespendet.
