Ägir ist der Name des Gestaltgewordenen Ozeans, den sich die Menschen als gewaltigen Meeresriesen vorstellten. Ägirs Gattin ist Ran, welche die tosende, bedrohliche und verschlingende Seite des Meeres verkörpert. Mit ihr zeugt der Riese neun Töchter, die mit den rollenden Wogen gleichgesetzt werden und den Namen „Ägirs Töchter“ tragen. Im Gegensatz zur eher lebensfeindlichen und täuschenden Gesinnung seiner Frau und Töchter, ist Ägir den Menschen wohlgesonnen und hält, wann immer er zugegen ist, schützend seine Hände über diese. Als seine Wohnstätte wird die Insel Hlésey angegeben, das heutige Läsö im Kattegat (Dänemark). Seine Diener sind Firmafeng, der Behende, welcher bei einem Gastmahl von Loki erschlagen wird, und Eldir, der möglicherweise das Meeresleuchten verkörpert. Als Vater wird der Urzeitriese Rornjotr angesehen, hinter dem sich wohl Ymir selbst verbirgt. Ägirs Brüder sind Logi (oder Lohe), das Feuer, und Kari, der Wind.
Ägir ist einer der wenigen Riesen, der friedlich und freundschaftlich mit den Göttern verkehrt. Seine riesige Halle wird zum Schauplatz für „Lokis Zankreden“, wo sich die Asen, von Ägir zum Festgelage eingeladen, versammelt haben. Dort tragen sich Speisen und Trank ganz von selbst auf. Seine unter Wasser liegende Wohnstätte wird erhellt durch schimmerndes Gold, welches es dort in großen Mengen hortet. So lautet ein Kenning für Gold auch „Ägirs Feuer“, jenes kostbare Metall, das in der Tiefe des Meeres wohl als einzige Lichtquelle gedeutet wurde.
Ägirs altgermanischer Name „ahwo“ verweist auf das Element Wasser, „ägi“ war das Wort für Meer. Der Riese galt also als der „Wassermann“ schlechthin und sein Wesen wird als „heiter wie ein Kind, das mit den Augen blitzt“ (barnteitr) beschrieben, möglicherweise in Anlehnung an das sich dem Menschen im Wasser reflektierende Spiegelbild.
In dem Lied „Oegisdrecka“ tritt besonders der Skalden- und Dichtergott Bragi hervor, der dem Meeresriesen (hier als zauberkundiger Mann beschrieben) im vertrauten Gespräche Göttersagen vorträgt und ihm mancherlei Fragen beantwortet. Ägirs Hauptattribut ist ein gewaltiger Kessel, das Gefäß für „feuchten“ Inhalt, welcher wahrscheinlich das Meer selbst bezeichnet, das „wie ein Kessel zwischen den Küsten hängt“ (nach R.M. Meyer). Einen ebenbürtigen Kessel müssen in einer Geschichte auch die beiden Götter Tyr und Thor beschaffen, um darin Bier für die Asen brauen zu können.
In der bekannten Wölsungensage ist von einem sogenannten „Oegirshelm“ die Rede. Einem goldenen Schreckenshelm, dessen Träger seinen Feinden Angst und Grauen einzuflößen vermag. Dieser Helm scheint zwar namentlich mit Oegiur/ Ägir verwandt, taucht aber nirgends als Eigentum des Meeresriesen auf. Das Wort „Oegisdyr“ hingegen verwies auf die „Pforte ins Meer“, wohin alle großen Flüsse schließlich hinausströmen.
Der Text ist von Voenix, das Buch ist erschienen im Arun-Verlag.
