Ask und Embla lauten die Namen des ersten Menschenpaares. Wie überall auf der Welt finden sich auch bei den germanischen Stämmen verschiedene Mythen über den Ursprung des Menschen. Einmal ist von dem Urmenschen Mannus die Rede, der von einem göttlichen oder riesischen Wesen erzeugt wurde. Ein andermal werden alle Menschen als „Heimdalls Kinder“ bezeichnet oder sind direkt den elementaren Naturkräften entsprungen. Die Vorstellung, daß der Mensch von den Bäumen abstammt, reicht bis weit in die Vorzeit zurück, in der es noch sehr alte Baumkulte gab.
Die Edda schildert die menschliche Entstehung folgendermaßen: Nachdem Bors Söhne Odin, Wili und We den Riesen Ymir zerteilt und aus seinen Körperteilen die Welt erschaffen haben, gehen die Götter eines Tages am Strand spazieren. Dort finden sie zwei an Land gespülte Baumstämme, aus denen sie das erste Menschenpaar mit Namen Ask und Embla erschaffen. Odin verleiht ihnen Leben und Seele, Wili Emotionen und Witz und We gibt ihnen Antlitz, Gehör und Sprache. An anderer Stelle lauten die Namen der drei Götter Odin, Hönir und Lodur. Sie finden Ask und Embla „tatenlos und ohnmächtig“, da verleiht ihnen Odin den Geist, Hönir die Vernunft und Lodur (vermutlich Loki) Blut und Farbe. Von diesen beiden Menschen stammt das ganze Menschengeschlecht.
Die beiden sehr ähnlichen Berichte geben uns Auskünfte darüber, wie nach germanischem Glauben die Götter die Menschen nach ihrem Abbild erschufen. Die Belebung und Ausformung der gefundenen Materialien geht durch die Emanation der göttlichen Dreieinigkeit hervor. Zunächst wird das Holz gestaltet, dann belebt. Der Name „askr“ wird mit „Esche“ übersetz und verweist deutlich auf seinen Ursprung aus Eschenholz. Schon der griechische Dichter Hesiod formulierte, das „eherne Geschlecht“ sei von Zeus aus Eschen erschaffen worden. „Embla“ wird vermutlich vom griechischen „ampelos“ abgeleitet, was Rebe oder Schlingpflanze bedeutet. Der Autor Hans Sperber weist in diesem Zusammenhang auf eine interessante Analogie zwischen dem Feuerbohren und dem menschlichen Beischlaf hin. Beim Feuerbohren, wo das eine Holz langsam in das andere eindringt, fand als entzündbares Brennmaterial nicht nur Hartholz, sondern auch das weichere Holz von Schlingpflanzen Verwendung. Ähnliche Deutungsversuche sehen in Ask die „phallische Eschenlanze“ und in Embla die „Emsige“ bzw. die „Gebärende“.
Nachdem das Zeitalter der Götter durch die Ragnarök beendet wird, verbrennt der Feuerriese Surt die alte Welt mit seinem Flammenschwert. Nur ein einziges Menschenpaar mit Namen Lif (Leben) und Lifthrasir (der nach dem Leben Strebende) überleben die Katastrophe, geschützt durch die Wurzeln des Weltenbaumes. Vom Tau, der sich allmorgendlich auf den Zweigen sammelt, ernähren sie sich und bleiben dadurch am Leben. Das neue Menschengeschlecht entsteigt somit ebenfalls einem Baumstamm und setzt die Tradition der Schöpfungslehre fort. Interessante Parallelen zeigt eine bayrische Sage, in der die Nachkommen eines Hirten, der im Geäst eines Baumes wohnt, nach einer großen Pestkatastrophe das Land neu bevölkern.
Der Text ist von Voenix, das Buch ist erschienen im Arun-Verlag.
