Audhumla, die Ur- Kuh, ist neben dem Urzeitriesen Ymir das erste Wesen im Kosmos. Als zum Schöpfungsbeginn das Eis im Ginnungagab nicht mehr strömte und sich festsetzte, bildete sich aus dem Reif der Riese Ymir. Der Reif tropfte weiter und es entstand die Mutter aller Mütter, die Kuh Audhumla. Aus ihrem Euter rannen vier gewaltige Milchflüsse, die Ymir in der Form leuchtender Milchstraßen ernährten. Die Kuh leckte nun beständig an den salzigen Reifsteinen, und am Ende des ersten Tages kamen die Haare eines menschenähnlichen Lebewesens zum Vorschein. Am zweiten Tag sah man den Kopf und am dritten Tag den ganzen Körper. Dieser freigeleckte Riese hieß Buri und sein Sohn Borr zeugte mit der Riesin Bestla die ersten drei Göttersöhne Odin, Wili und We.
Audhumla, die auch den Namen „die Hornlose“ trägt, gilt als eine Verkörperung der Muttergöttin, die in dieser Funktion gerne mit vielen Brüsten bedacht wird, mit denen sie ohne Unterschied allen Lebewesen Nahrung spendet. Eine kosmische Kuh, die als eine Art „Allmutter“ das Universum schöpft und nährt, findet sich in vielen Mythologien, und wie Höhlenmalereien beweisen, wurde die Kuh schon viele tausend Jahre vor unserer Zeitrechnung verehrt. Um diese Kräfte weiter hervorzuheben, stellte man sie auch gerne mit einem Kalb dar, das sie säugend unter ihren schützenden Leib beugte. Das Vieh spielte bei den Germanen in vielen Bereichen eine wichtige Rolle. In einer Zeit, wo es noch kein Geld gab, diente es als bewegliches Zahlungsmittel. Eine gesunde Kuh, die Milch und starken Nachwuchs garantierte, stand meist höher im Kurs als ein menschlicher Sklave, den man noch zusätzlich ernähren musste. Viehbesitz bedeutete also Reichtum, der sich im günstigsten Fall stets aus sich selbst mehrte.
Laut Tacitus wurde bei vielen Stämmen in Küstennähe die Göttin Nerthus (Fjörgyn) verehrt. Einmal wurde im Jahr wurde ein von der Göttin gefertigtes Standbild auf einem geschmückten und von Kühen gezogenen Wagen gesetzt und durch das ganze Land gefahren. Diese Feierlichkeiten wurden mit Opfern und allerlei Ritualen begangen, welche die Fruchtbarkeit des bevorstehenden Jahres gewährleisten sollten. Gegen Ende dieser besonderen Zeit, in der alle Waffen schweigen mussten, wurde der Wagen in einen heiligen Hain gezogen und dort in einem See rituell gereinigt.
Der Text ist von Voenix, das Buch ist erschienen im Arun-Verlag.
