Draupnir, der kostbare goldene Götterring, wurde von den beiden in der Schmiedekunst bewanderten Zwergen Sindri und Brokk gefertigt. Aufgrund einer Wette mit Loki erhält ihn der Göttervater als Geschenk. Die besondere Eigenschaft des Ringes ist das Abtropfen von acht ebenso schweren Ringen in jeder neunten Nacht, was Draupnir zum Inbegriff des sich aus sich selbst mehrenden Reichtums macht. Ob es sich bei dem zaubermächtigen Kleinod um einen Finger- oder Armring handelt, konnte bis heute allerdings nicht geklärt werden. Zwei weitere Qualitäten werden dem Ring nachgesagt. Zum Einen soll er als Wunschring fungieren, zum anderen soll er seinem Besitzer Unsichtbarkeit verleihen. In der Edda, aber auf auf Gotländischen Bildsteinen finden sich verschiedene Hinweise auf den Ring, der zuweilen auch schon mal seinen Besitzer wechselt. So lautet beispielsweise ein Kenning des Gottes Balder „Draupnir eigandi“, seit ihm der Göttervater den Ring aufs Sterbebett legte.
Auch das ablegen von Ringeiden ist bei den Germanen nachweislich überliefert und zeigt, wie sich manche alte Traditionen bis in die Gegenwart erhalten haben. In erster Linie galt der Ring als Beweis für Eigentum und Zugehörigkeit. Ein Siegelring wurde zumeist weitervererbt und rechtfertigte so die Besitzansprüche seines Inhabers. Viellerorts werden Tiere nach wie vor beringt, um sie auf diese Weise zu kennzeichnen. Sklaven legte man Hals- oder Armreifen an, um sie an Ketten in Gewahrsam zu halten und sie als „unfreie“ sofort erkennen zu können. Laut Tacitus wurden beim Volk der Chatten einzelne Männer mit eisernen Fingerringen versehen, um sie rituell an Odin zu binden, wenn sie sich in Berserker verwandelten.
Im Skirnirlied reitet Skirnir, der Freund und Bote des wanischen Gottes Freyr, für diesen auf Brautschau ins Riesenland. Neben einer Reihe anderer Dinge bietet er dort Draupnir der Riesentochter Gerda als Hochzeitsgeschenk an, falls diese dem Antrag seines Herrn zustimme. Allerdings lehnt das Mädchen mit der Begründung ab, selbst schon genug Gold zu besitzen.
An anderer Stelle wird berichtet, wie man die Leiche des Gottes Balder nach dessen Ermordung auf einen Holzstoß legt, den man auf dem Schiff Hringhorni errichtet. Bevor das Schiff angezündet und der See übergeben wird, übergibt Odin seinem toten Sohn den besagten Ring. Mit dieser Machtlegitimation ausgestattet, fährt Balder hinab zu Hel ins Totenreich, wo er seinem Rang entsprechend aufgenommen wird. Später wird Hermod, ein anderer Sohn Odins, damit beauftragt, in die Hel hinabzureiten, um dort um Balders Rückkehr zu verhandeln. Hermod trifft auf den Verstorbenen, der ihm daraufhin Draupnir für seinen Vater mitgibt, wodurch der Ring wieder zu Odin gelangt.
Auch in vielen Märchen und Geschichten sind die Erinnerungen an verwunschene Ringe bis heute bewahrt, wo sie gewöhnlich eine enge Verbindung zu den Kräften ihrer Schöpfer und/ oder der eigenen Seele besitzen.
Der Text ist von Voenix, das Buch ist erschienen im Arun-Verlag.
