Eikthyrnir ist ein stattlicher Hirsch, der im Wipfel der Weltenesche Yggdrasill beständig die hervorsprießenden jungen Triebe äst. Dieser Vorgang versinnbildlicht die Zeitabschnitte des Lebens, über welche Eikthyrnir durch seine Futteraufnahme bestimmt. Von seinem mächtigen Geweih fallen zeitweise große Mengen von Tautropfen, die so die Flüsse in Asgard entstehen lassen. Mit Eikthyrnir sind zudem vier weitere Hirsche mit der Regulierung der Naturzyklen betraut, sie alle halten sich in der Krone des Weltenbaumes auf.
Snorri weiß zu berichten: „… außerdem ist der Hirsch Eichdorn zu merken, der oben auf der Walhall steht und von den Zweigen des Baumes Lärad (Yggdrasill) frisst. Von seinem Geweih träufelt es so stark, das es bis in den Hvergelmir hinab dringt und davon Flüsse entspringen, die heißen Breit, Weit, Sökin, Eikin, Kühl, Kampfgier und Fjörm.“ Weiter wird von vier Hirschen berichtet, deren Namen alle mit „D“ beginnen: Dain, Dvalinn, Duneyr und Durathor. Sie fressen die jungen Knospen (Stunden), die Blüten (Tage) und Zweige (Jahreszeiten) des Weltenbaumes. Diese Tiere dürfen demnach als eine Art „Zeitfresser“ angesehen werden, wobei Eikthyrnirs tropfendem Geweih noch eine weitere Bedeutung hinzukommt, die sich in ähnlicher Weise bei den unversiegbaren Milcheutern der Ziege Heidrun oder der Urkuh Audhumla als mythische Nahrungsquellen finden.
Bei den meisten keltischen und germanischen Stämmen galt der Hirsch als stärkstes männliches Sinnbild der Fruchtbarkeit. Sein sich periodisch erneuerndes Geweih, wurde zum Synonym für den Kreislauf der Jahreszeiten, da der Wachstumsrhythmus der Gabeln von Abwerfen zwischen Februar und März, bis zum Freischaben der Bast im August, äußerst exakt mit verschiedenen Reifestadien des Kornes, von dessen Aussaat bis hin zur Erntezeit, übereinstimmte.
Im altenglischen Beowulf-Epos taucht eine Festhalle mit dem Namen „Heorot“ auf, was übersetzt in etwa „Hirsch-Halle“ bedeutet. Die Hirschweihe galt gerade bei den Angelsachsen noch lange Zeit als Symbol der Königswürde. Die Entstehung des Hirschkultes scheint nachweislich weit über zwanzigtausend Jahre zurückreichen. Im Verlauf des letzten Jahrtausends verschwand der Kult schließlich, da er aufgrund seiner recht freizügigen Fruchtbarkeitsriten (Beltaine/Walpurgisfest) vom Christentums geächtet, verteufelt und verfolgt wurde. Gleichzeitig galt der Hirsch den Christen als willkommendes Erlösungssymbol im Kampf gegen das Böse, da seine majestätische Erscheinung ihn über die „niederen“ Tierarten stellte. Gerne wurde er in der Nähe von Wasserquellen abgebildet, da seine Anwesenheit für die Reinheit des Wassers garantierte. Noch heute finden sich mancherlei Darstellung von Hirschen auf Taufsteinreliefs und in der Mineralwasserwerbung.
Im Märchen taucht der Hirsch bzw. die Hirschkuh gerne als ein mit besonderen Merkmalen versehenes Wild auf, das von einem (meist königlichen) Jäger verfolgt, diesem als geheimnisvoller Wegweiser auf der Suche nach sich selbst begegnet und psychologisch ein Verwandlungs- oder Erneuerungssymbol verkörpert.
Der Text ist von Voenix, das Buch ist erschienen im Arun-Verlag.
