Eir ist die Ärztin unter den Asen, was sie zu einer Heilerin und Göttin der Krankenpflege werden lässt. In frühen Zeiten war die Heilkunst vor allem den Priester(inne)n und Schaman(inn)en vorbehalten, die ihr Heilwissen direkt aus den Beobachtungen der Natur gewannen und sich dieses gelegentlich unter der Einnahme bewusstseinserweiternder Pflanzen erwarb. Da die Weitergabe und Erhaltung dieses Wissens lange Zeit vor allem den Frauen vorbehalten war, kann Eirs Ursprung mit großer Wahrscheinlichkeit bei den Wanen gesucht werden, die in ihrer Lebensweise der Natur aufs engste verbunden waren.
In der Edda wird Eir im Laufe einer Aufzählung von Jungfrauen genannt, deren Namen meist einsilbig lauten und die alle zu Füßen der Göttin Menglöd sitzen, die wiederum einem Aspekt der Göttermutter Frigg entspricht. So handelt es sich bei Eir um eine ihrer Dienerinnen, die über eine ihr zugeteilte Aufgabe gebietet. Eirs Wesen wird wie das der anderen Jungfrauen als freundlich, schützend und hilfreich umschrieben. Ihr Wohnsitz ist der Berg der Heilmittel und Heilpflanzen (Lyfiaberg), von dem es heißt, er sei von der Waberlohe und einem Lehmwall umgeben, außerdem wache am Fuße des Berges der Riese Fjölswinn – Hinweise auf die erschwerte Unzugänglichkeit dieses geheimen Ortes, der nur von eingeweihten betreten werden konnte. Dieser heilige Berg ist der Menglöd und ihren Dienerinnen geweiht, steht aber allen Kranken und Verletzten offen, die der Göttin ihr Vertrauen schenken. Jene, die ihn erklimmen, werden auf wundersame Weise wieder genesen, selbst wenn ihre Krankheit schon längere Zeit andauert.
Schon früh wurde den Heilkräften einer Jungfrau große Macht zugeschrieben, welche die Mädchen, die sich aufs Heilen spezialisierten, durch das Erlernen umfassender Arzneikunde oft noch zu vergrößern wussten. Bei vielen weisen Frauen des Altertums wurden Berge oder Heilfelsen als Behausung und Wohnorte aufgeführt. Dies deckt sich mit den Überlieferungen von Bergbauern, Hirten und Schäfern, die ihr Kräuterwissen meist in den einsamen Höhen der Gebirge erwarben.
Frösche und Kröten galten seit jeher als Sinnbild weiblicher Fruchtbarkeit und der Gebärmutter, so dass sich Hebammen und Hexen gerne ihres Anblicks erfreuten. In ihrer Nähe fanden sich oftmals Kräuter, die sich für weibliche Leiden und schwangere als nützlich erwiesen. Kröten leben vorzugsweise in der Nähe von Gewässern und abgelegenen Sümpfen, wo die weisen Frauen ungestört ihrer suchenden Tätigkeit nachgehen konnten. Aus diesen Gründen fanden geheimnisvolle und verbotene Feste oftmals an diesen Orten statt, damit sich die Teilnehmer auf ihren geheimen „Krötenpfaden“ unverzüglich dem Zugriff ihrer Verfolger entziehen konnten. Die Geheimnisumwobene Heilkunst und Arzneikunde dieser Frauen musste nach christlicher Anschauung demnach direkt mit dem Teufel in Verbindung stehen. Einige Mönche, die gerne dieses Wissen der Kräuter- Frauen übernahmen, begannen hinter den Mauern ihrer Klöster selbst damit, Kräuter anzubauen. Meist jedoch wurden die Frauen zum Sündenbock für alle Unglücke und Krankheiten erklärt, die nur durch beschworene böse Geister unter Mensch und Vieh gekommen sein konnten. So ging mit den durch Irrsinn der kirchlichen Inquisition ermordeten Frauen ein Jahrtausende altes Heilwissen verloren, welches wir uns heute durch mühsames Erforschen erst wieder zurückgewinnen müssen.
Der Text ist von Voenix, das Buch ist erschienen im Arun-Verlag.
