Wodans Erben - germanisch, heidnisch, religiös

Du bist hier: Schrifttum → Der germanische Götterhimmel → Ginnungagap, der Urzustand
Ginnungagap, der Urzustand

Ginnungagap beschreibt den ursprünglichen Anfang und das Ende von allem, was ist. Es ist die gähnende Leere oder die tiefe Schlucht, ein Gebiet, das sich bis in die Unendlichkeit ausdehnt und wo weder Zeit noch Raum existieren. Den Anfang des Seins schildert die nordische Schöpfungslehre zunächst mit der Verneinung alles Sichtbaren. Irgendwann bildete sich an den Rändern aus dem Nichts ein Etwas. Zwei gegensätzliche Pole, die südliche Region Muspelheim, Welt der fliegenden Feuerfunken, und Niflheim, die nördliche Welt der Nebel und des ewigen Eises, entstanden. Dazwischen gähnte nun „so lau wie windstille Luft“ das Ginnungagap. Stück für Stück rückten Feuer und Eis aufeinander zu, bis bei ihrem zischenden Aufeinandertreffen eine flüssige und nebelige Ursuppe entstand, aus der die erste Schöpfung hervortrat. Der leere Raum füllte sich mit Elementen und brachte als erste Gestalt den unförmigen Urriesen Ymir und die Urkuh Audhumla hervor. Als später die Götter auftauchen und ihre eigene Schöpfung formen, bringen sie den Urriesen ins Ginnungagap zurück, töten und zerteilen ihn und formen daraus Midgard, die Welt der Menschen.

Der Name Ginnungagap teilt sich auf in „gin“ oder „ginn“, den „geräumigen Rachen“ und in „gap“ von „gähnen“, womit das Wort ebensfalls die „gähnende Kluft“ bezeichnet, die man sich am Rande der Welt vorstellte, die, als Scheibe gedacht, ja irgendwo ihre Grenzen haben musste. Das dem Urstoff irgendwann organische Gebilde entwachsen, findet sich in der Kosmogonie zahlreicher Kulturen. Der Forscher Jan de Vries bezeichnete das Ginnungagap als den mit „magischen Kräften erfüllten Urraum“, also einen chaotischen Zustand, aus dem sich eine anorganische Ursuppe bildet, in der jedoch schon alle Facetten organischen Lebens potentiell angelegt sind. Dieses Wachstum wird später von den Göttern durch deren geistigen Odem mit Leben erfüllt und beginnt seinen zyklischen Kreislauf. An einer anderen Stelle der Edda erwähnt Snorri das Ginnungagap als einen ehemaligen Ort, wo eine Wurzel der Weltesche Yggdrasill auslaufe und nun die Reifriesen hausen würden. Der Gebrauch des Ginnungagap für Abgründe, das Chaos bzw. den Rand der Welt war in Skandinavien lange Zeit weit verbreitet.

Der Text ist von Voenix, das Buch ist erschienen im Arun-Verlag.