Gylfi lautet der Name eines mythischen Schwedenkönigs, der angeblich den Asen einst die Herrschaft über Skandinavien übergeben haben soll. In den Sagen der Thulur, der Gylfaginning und der Ynglingasaga tritt Gylfi in verschiedenen Rollen auf. Einmal wird er als herrschender König von der Göttin Gefion überlistet, die ihm ein gewaltiges Stück Land entwendet. An anderer Stelle wird Gylfi als Seekönig bezeichnet, was etymologisch zu seinem Namen passt, der altnordisch „gjálfr“ lautet, was „Meer“ oder „Woge“ bedeutet. So gibt es Vermutungen, es könnte sich hierbei ursprünglich auch um einen alten Meerriesen aus dem Geschlecht der Wanen gehandelt haben, der später von den Asen abgelöst wurde. Snorri setzt den König in der Edda schließlich als Hauptdarsteller für die Rahmenhandlung seiner Darlegung der nordischen Götterhierarchie ein, die er folgendermaßen schildert:
König Gylfi ist ein weiser Mann und zauberkundig. Als er von den Asen vernimmt, wundert er sich sehr darüber, dass deren Volk so vielwissend ist und das alles nach ihrem Willen geschieht. Er gerät in Überlegungen, ob dies aus deren eigener Kraft komme oder ob da wohl die Macht der Götter walte, welchen dementsprechend geopfert werde. Er beschließt, seine Herrschaft abzugeben und eine Reise in das mythische Land Asgard zu unternehmen. Viele, viele Jahre dauert seine Suche an, bis er irgendwann, durch endloses Wandern alt und müde geworden, im Gebirge an eine goldene Halle kommt, Diese ist so hoch, dass er kaum darüber hinwegzusehen vermag. Ein Mann begrüßt ihn, führt ihn herein und bietet ihm Speis und Trank. Gylfi erblickt drei Hochsitze, auf denen drei Männer sitzen. Von diesen drei nach seinem Namen befragt, nennt der Gast sich Gangleri (der vom gehen müde gewordene), und stellt seinerseits Fragen an die drei Hochkönige. Im Verlauf erfährt der Wanderer nun manch wundersame Dinge über die Götter und die Entstehung der Welt. Als die drei Männer endlich alle seine Fragen beantwortet haben, erkennt Gylfi, wohin er gelangt ist, denn diese drei, mit Namen Har, Jafnhar und Thridi sind niemand anderes als Odin selbst, der sich auf diese Weise seinerseits vor Gylfi verborgen gehalten hat. Da bricht ein gewaltiges Getöse aus, und als Gylfi sich umblickt, findet er sich alleine wieder. Von der Halle und den Götter aber bleibt keine Spur zurück. Darauf kehrt Gylfi in sein Reich zurück, um zu berichten, was er vernommen hat und begründet damit den erhalt des Götterglaubens.
Jacob Grimm deutete diese Geschichte als eine Nachahmung eddischer Lieder, welche Odin unter dem Namen Gangleri oder Gangrad zu den Riesen wandern lassen, um sich dort mit ihnen zu bereden und sich im Weisheitswettkampf zu messen. Ähnliche Strukturen weist auch Ägirs Reise nach Asgard und die dort erfolgende Unterredungen mit dem Skalden Bragi auf. Das Erscheinen und Verschwinden verzauberter Hallen, Höhlen oder Erdspalten findet sich hingegen in manch alter Mär. So in der Artussage, wo der Ritter Gawain auf dem Tisch der endlich gefundenen Gralshalle einschläft und am nächsten Morgen im Moosbett eines Waldes erwacht.
Ob Gylfi jemals existiert hat, lässt sich heute nicht mehr nachweisen, doch gilt seine Gestalt als Leitbild für den fragenden Menschen, der sich irgendwann aufmacht, um den Göttern das Geheimnis ihres (bzw. seines eigenen) Daseins zu entreißen.
Der Text ist von Voenix, das Buch ist erschienen im Arun-Verlag.
