Hagen von Tronje spielt eine tragende Rolle in der deutschen Nibelungensage, wo sich seine Erscheinung am deutlichsten von dem strahlenden Siegfried abhebt, als dessen dunkler Gegenspieler er agiert. Er kommt als einsamer und grimmig dreinschauender Ritter daher, versehen mit einer Augenklappe und sich in dunkle Rüstung hüllend. Es heißt, sein Vater sei ein Alb gewesen, eines jener finsteren Wesen, die den Menschen noch nie wohlgesonnen waren, weswegen Hagens Haut „bleich und fahl erscheint, gleich Bast und Asche“. Er ist König Gunthers treuer Berater, rechter Arm und Waffenmeister (In der Wölsungensage ist sein Name Högni und er ist der direkte Bruder von König Gunnar). Hagen genießt des Königs uneingeschränktes Vertrauen und seine Worte und Entscheidungen haben Gewicht.
Als nun Siegfried nach Worms gelangt, um dieses zu erobern, bieten ihm die Burgunder Freundschaft an. Als der Drachentöter darauf die schöne Kriemhild (Gudrun) erblickt, willigt er ein. Nachdem er König Gunther durch eine List dazu verhilft, die isländische Königin Brünhild zu ehelichen, darf er selbst Kriemhild heiraten. Doch Brünhild gönnt den beiden ihr Glück nicht und beginnt Nachforschungen anzustellen. Schließlich kommt der Betrug heraus, und die schändlich hintergangene Königin sprüht vor Hass und Zorn. Sie klagt vor ihrem Gatten, sie wolle lieber sterben, wenn dieser nicht umgehend Siegfried erschlagen lasse. Darüber fällt der König in tiefe Verzweiflung. Trotz seiner tiefen Verbundenheit zu Siegfried, beratschlagt er sich mit Hagen, und gemeinsam machen sie den Plan, wie sie den nun lästig gewordenen Störenfried aus dem Weg schaffen können. Hagen, den außerdem die Aussicht auf Siegfrieds Rheingold lockt, geht zu Kriemhild und bittet sie scheinheilig, ihm doch die verwundbare Stelle auf Siegfrieds Rücken preiszugeben, damit er diesen im Kampfe besser schützen könne. Als der König eine Jagd abhält und sich Siegfried abseits der Gesellschaft an einer Quelle befindet, trifft ihn Hagens Speer tödlich in den Rücken.
Darauf begehrt die unglückliche Kriemhild zu erfahren, wer ihren Gatten so feige mordete, doch die Verräter schweigen. Sie verlangt nun von allen Anwesenden, daß jeder noch einmal an dem aufgebahrten Leichnam Vorüberschreiten müsse. Als Hagen an der Reihe ist, brechen die Wunden des Toten auf wundersame Weise wieder auf und offenbaren so den Mörder. Es heißt, nach diesen Geschehnissen hätte Hagen den sagenhaften Nibelungenschatz im Rhein versenkt, andere wollen wissen, er hätte den Hort nach Lochheim, einer unterirdischen Höhle geschafft, um später über ihn zu verfügen. Das Geheimnis nahm er allerdings mit in den Tod, den er später durch Kriemhilds Schwerthand am Hofe des Hunnenkönigs Attila findet.
Hagens rätselhafte Gestalt, die schon im Waltharilied des 9. Jh. auftaucht, widersetzt sich hartnäckig der Herleitung einer stoffgeschichtlichen Herkunft und scheint es seinem Wesen entsprechend vorzuziehen, im Dunkel der Vergangenheit zu verbleiben. Sein Mord an Siegfried mag jedoch nicht ganz zufällig an den rituellen Speertod gemahnen, mit dem gefallene Helden Odins Walhall zugeführt wurden.
Der Text ist von Voenix, das Buch ist erschienen im Arun-Verlag.
