Hangatyr, der gehängte Gott, ist ein Name Odins, den dieser durch sein Opfer an der Weltenesche Yggdrasill erhält. Neun Tage und Nächte lang hängt er freiwillig hungernd und durstend zwischen den Welten am windigen Weltenbaum, sich selbst geweiht. Nach Ablauf dieser Zeit offenbart sich ihm das Geheimnis der Runen. An Odins Seite baumelt der Speer Gungnir herab, den sich der Gott zuvor selbst in den Körper gestoßen hat. Die Wunde und das herausfließende Blut schwächen ihn einerseits, öffnen auf anderer Ebene aber seinen physischen und mentalen Leib, um ihn empfänglich zu machen für die Visionen aus der Quelle allen Seins. Mit einem Aufschrei stürzt er schließlich herab und nimmt ächzend die Runen auf. In der Edda erfolgt im Anschluss daran eine Aufzählung von Zaubersprüchen, die sich auf die zuvor erschauten Stäbe beziehen. Dieser Mythos ist neben der Sage von Mimirs Brunnen und der Gewinnung des Dichtermets Odrörir, Odins wichtigste Handlung zur Erlangung von Wissen und Weisheit.
Odins Hängeopfer ist ein Weg, wie ihn Schamanen, Initianten und eigenwillige Suchende seit Jahrtausenden begehen. Wie bei vielen Germanen Opferhandlungen als Ausdruck ihres tiefsten Glaubens. Je größer und wertvoller das hingegebene Opfer, desto wohlgewogener die Gottheit. Entsprachen die folgenden Ereignisse nicht den Erwartungen, galten die Gaben als minderwertig oder nicht angenommen. Des Göttervaters Hängeopfer erlangt somit in vielfacher Hinsicht Bedeutung, da es zum Einen von ihm selbst gewählt und inszeniert wird, zum Anderen, weil es zum Vorbild für die gängigste Odinsverehrung wurde. Das Darbringen von Weiheopfern durch Erhängen und Aufspießen mit einem Speer, ist durch verschiedentliche Berichte traditionell belegt. Dabei wurden vorwiegend Kriegsgefangene oder auch Sklaven geopfert, welche die jeweiligen Sieger in sogenannte „Fleischbäume“ hängten und diese zu Ehren Odins mit dem Speer erstachen. Selbst von alten, gebrechlichen Leuten wird berichtet, dass man sie auf eigenen Wunsch mit den Speer tötete, auf dass Odin sie nach Walhall holen möge.
Odin, der auch den Namen „Hangi“, „Hangagud“ oder „Gälga Valdr“ trägt, galt somit lange Zeit als Gott der Toten und Gehängten. Für das Aufhängen am Galgen wurde gerne das Kenning „reiten auf dem Rosse“ verwendet, wodurch im Mythos die Weltenesche gleichzeitig zu Odins „Reittier“ wurde. Die Alraune (Mandragora), eine knollenartige Pflanze, trug den Beinamen „Galgenmännlein“, da sie dem Volksglauben nach unter Galgenbäumen an jener Stelle entstand, wo der letzte Samenerguss des Verurteilten auf den Boden getropft war. Die Pflanze, die manchmal Ähnlichkeit mit dem Körper eines Menschen hatte, galt als wertvolles Heilmittel, da ihr ein großer Teil der konzentrierten Lebenskräfte des Verurteilten zugesprochen wurden.
In einem heiligen Hain im schwedischen Uppsala, sollen im ersten Jahrtausend angeblich alle neun Jahre innerhalb von neun Tagen insgesamt zweiundsiebzig Tiere und Menschen den Göttern geopfert und aufgehängt worden sein.
Der Text ist von Voenix, das Buch ist erschienen im Arun-Verlag.
