Hugin und Munin sind ein Rabenpärchen, das dem Göttervater zuweilen auf den Schultern sitzt, um ihm dort Neuigkeiten ins Ohr zu flüstern. Ihre Namen bedeuten „der Gedanke“ und „Erinnerung/Gedächtnis“. Im Morgengrauen schickt Odin sie hinaus zum Flug über die Welten. Am Abend kehren sie dann wieder heim und überbringen dem Allvater alles Wichtige, das ihnen auf ihren Rundflügen begegnet. Daher nennt man Odin auch Hrafnagud, den Rabengott.
In der Mystik und Symbolik gilt der Rabe allgemein als Sammelbegriff für die Rabenkrähe, die Saat- oder Nebelkrähe und den Kohlraben (corvurs corax). Der Rabe zieht seine Spur durch die Mythen vieler Völker und schon früh beeinflusste er in hohem Maße das Denken und Handeln der Germanen. Er gilt als neugieriger, gelehriger und kluger Vogel, der sich durch seine auffallende Intelligenz und sein schwarzglänzendes Gefieder von allen anderen Vogelarten abhebt. Sein durchdringendes Gekrächze erschreckt schon manch einsamen Wanderer, während sein Anblick auf gefrorenen, kahlen Äckern zuweilen bedrückende Gefühle von Trostlosigkeit und tiefer Todesmelancholie auslöst.
Der Rabe gilt als Aasfresser, der sich in früheren Jahrhunderten besonders gerne auf Galgenhügeln und Schlachtfeldern niederließ, um sich an den Toten gültig zu tun. Heutzutage trifft man ihn eher auf Mülldeponien und frisch eingesäten Äckern an. Sein Auftreten war stets unweigerlich mit dem Tod verbunden, weshalb man ihn auch heute noch häufig „Totenvogel“ schimpft. „Ein Fressen für die Raben“ ist ein altes Kenning, das einen Todgeweihten oder bereits erschlagenen Feind umschreibt. In seiner Eigenschaft als Todesbote wurde dem Raben eigens an Ehrfurcht entgegengebracht, denn er galt als Mittler zwischen den Lebenden und der luftigen Wind der Geister. Da man ihm die Fähigkeit zuschrieb, die geheimnisvollen und schauderhaften Mysterien der Anderswelt zu erkunden, wird ersichtlich, warum Odin, dem Meisterschamanen und Zauberer, zwei Raben als kenntnisreiche Gehilfen zur Seite stehen. Diese traditionelle Rolle des Vogels lässt sich noch bis ins letzte Jahrhundert zurückverfolgen, wo sich Wahrsager, Hexen, Zauberer und allerlei fahrendes Volk, Raben als Assistenten oder unentbehrliches Markenzeichen hielten.
Es finden sich schriftliche Hinweise darauf, dass unsere Vorfahren immer wieder versuchten, die Sprache und Handlungen der Vögel zu deuten. So wird von Seefahrern berichtet, die Raben für navigatorische Zwecke mit sich führten. Man ließ die Vögel auf offener See frei und folgte ihnen in der Hoffnung möglichst schnell Land zu finden. In einer Erzählung wird dem Odin ein Opfer dargebracht, als daraufhin zwei Raben krächzen, gilt das Opfer als angenommen.. Darstellungen des 6. und 7. Jh. Zeigen Odin mehrmals in Begleitung zweier Vögel, was dazu führte, dass Forscher in seinen Raben Hugin und Munin die personifizierten intellektuellen Eigenschaften des Gottes sahen. Möglicherweise in Anlehnung an alte überlieferte Schriften, in denen der Rabe auch als „Vater des Geistes“ bezeichnet wird.
Der Text ist von Voenix, das Buch ist erschienen im Arun-Verlag.
