Jörmungand, die gewaltige Weltenschlange, ruht auf dem tiefen Grund des Meeres. Sie ist das größte Ungeheuer der nordischen Mythologie, denn es heißt, sie hätte solche gewaltige Ausmaße, dass sie alle Länder der Erde umschlinge und ihr eigenes Schwanzende im Rachen trage. Trinkt sie, tritt Ebbe ein, gibt sie das Wasser wieder von sich, entsteht die Flut. Als ihre Erzeuge werden der ränkereiche Loki und die Riesin Angrboda (Sorgenbringerin) angesehen. Einst wurde die Schlange mit ihren beiden Geschwistern Hel und Fenrir, von Odin aus dem Götterhimmel verbannt. Seitdem liegt sie auf dem Grund des Urozeans und wartet, bis sie die nötige Größe erreicht hat, um alles Leben zu verschlingen. Dementsprechend groß ist die Furcht der Götter und Menschen vor ihrem Erwachen.
Als der größte Feind des Seeungeheuers gilt der Donnergott Thor, der Schirmer Asgards und Midgards, welcher sich mehrmals mit ihr im Kampfe misst. Einmal fährt er mit dem Riesen Hymir zum Fischen aufs Meer hinaus, um die Jörmungand mit einem Ochsenkopf zu ködern. Als die Seeschlange anbeißt und Thor sie nach oben ziehen will, schneidet jedoch der ängstlich gewordene Riese die Angelschnur durch und die Schlange stürzt ins Meer zurück. Ein andermal hält sich Thor bei dem Urriesen Utgardloki auf, der im Verlauf eines Wettkampfes den Gott auffordert, eine große Katze hochzustemmen. Thor scheitert an dem unmöglichen Unterfangen, da die sich endlos biegsame Katze niemand anderes als die verzauberte Midgardschlange ist, an der er sich somit ein zweites Mal die Zähne ausbeißt. In den Ragnarök stehen sich die beiden Gegner schließlich ein letztes Mal gegenüber. Thor besiegt zwar das Untier, kann sich aber nur noch neun Schritte davon schleppen, bis auch er, vom Gifthauch der Schlange tödlich verwundet, zu Boden sinkt.
Das endlose und unergründliche Meer wurde schon immer mit allerlei Tiergestalten versehen und galt bzw. gilt als Brutstätte aller möglichen Ungeheuer. Bei vielen in Küstennähe sesshaften Völkern wurden Überschwemmung und Erdbeben auf das Sich- Winden eines riesenhaften Meeresungeheuers zurückgeführt, das in seinem Schlaf gestört worden war. Das Christentum sah in der mythologischen Drachen den verkörperten Leviathan, jenes aus den Lastern der Menschen entstandene Ungeheuer, das der Gottesvater mit der Angel fängt und möglicherweise als Vorlage für Thors Angelabenteuer diente.
Die sich in den Schwanz beißende Schlange (Uroboros) ist ein weit verbreitetes Symbolbild, das die Unendlichkeit und den Kreis der ewigen Wiederkehr verkörpert. Das sich durch Häutung stets „verjüngende“ Tier, wurde zur prädestinierten Metapher für alles Zyklische, vom Weltuntergang bis hin zur Neuschöpfung. Das Tierstil- Ornamentik der nordischen Völker, bediente sich mit Vorliebe der Darstellung von Drachen und Schlangen als kraftpotentielle und unheilabwehrende Wesen galten. Dies dürften die Hauptgründe für die geschnitzten Tiersteven der Wikingerschiffe gewesen sein.
Der Text ist von Voenix, das Buch ist erschienen im Arun-Verlag.
