Kriemhild ist im Nibelungenlied die Tochter von Königin Ute und König Dancrat, dem Herrscher über Burgund. Ihre Brüder sind Gunther, Giselher und Gernot. Behütet wächst sie am Königshofe auf, wo sie sich in anmutiger Schönheit und Tugend von allen anderen Frauen abhebt. Ein böser Traum prophezeit ihr jedoch ein schweres Schicksal, das schon bald darauf seinen Lauf nimmt, als Siegfried, der ruhmreiche Drachentöter, nach Worms geritten kommt. Beide verlieben sich aufs heftigste ineinander und nach manchen Begebenheiten kommt es endlich zur Heirat. Doch die glückliche Zeit währt nicht lange. Siegfried, der aufstrebende Held, der sich zunehmend Macht und Ansehen erwirbt, ist den Burgundern schon bald ein Dorn im Auge. Ein Gemisch aus Intrigen, Eifersucht und ungeklärten Machtverhältnissen führen schließlich zum Tod des Drachentöters, der von Hagen auf einer fingierten Jagd hinterrückst gemeuchelt wird. Seinen leblosen Körper legt man Kriemhild vor die Türe ihrer Kemenate. Wie versteinert kniet die junge Frau am nächsten Morgen vor der Leiche ihres Mannes. Keine Träne vermag sich zu lösen, bis die Mägde ihr den Rat geben, den Gatten noch einmal zu umarmen, worauf sich aller Schmerz, Ohnmacht und Verzweiflung entladen. Ihr weiterer Lebensweg ist von Trauer und zwanghaften Rachegedanken auf Hagen und ihre Brüder erfüllt, die schließlich den blutigen Untergang des gesamten Nibelungengeschlechtes am Hofe des Hunnenkönigs Attilas zur Folge haben.
Die dramatische Gestalt Kriemhilds wandelt sich im Verlauf der Geschichte von der holden Jungfer zum grimmigen Todesengel. Diese drastische Entwicklung ist vor allem dem Dichter des Liedes zu verdanken, der in Kriemhild die Charaktere von zwei verschiedenen Frauen zusammenfasste, welche ihm als literarische Vorlagen dienten. In der Rolle der sittsamen Königstochter findet sich eine schier gänzliche Übereinstimmung mit der Gudrun aus der nordischen Wölsungensage. Doch während Kriemhild rachsüchtig die Initiative ergreift, fügt Gudrun sich in ihr Schicksal und versucht auch weiterhin, ihre Brüder vor der Goldgier ihres Gatten Attilas zu schützen. Als sie scheitert und ihre Sippe den Tod am Hofe des hunnischen Herrschers erleidet, wartet Gudrun geduldig die Siegesfeierlichkeiten ab, um die erschöpften Zecher bei Nacht in Atlis Halle niederzubrennen.
Chronisten sehen Kriemhild/ Gudrun als dichterische Nachfolgerin der germanischen Hildico (Hildchen), die um 453. n.u.Zt. den Hunnenfürsten Attila heiratete und in dessen Todesnacht an seiner Seite war. Trotz dieser offensichtlichen Parallele hat sich der Dichter noch von einer ganz anderen Frau inspirieren lassen. Ihr Name: Gisela, die später als Äbtissin heilig gesprochen wurde, war schon frühes Opfer gefälschter Chroniken, die versuchten, aus ihr eine hinterhältige Mörderin zu machen.
Der Text ist von Voenix, das Buch ist erschienen im Arun-Verlag.
