Mani lautet der Name des personifizierten Mondgottes, der mit seinem leuchtenden Wagen seine Runden am nächtlichen Firmament dreht. Auf dem Gestirn erscheinen die Gestalten zweier Kinder, die dem Mondgott als Helfer zur Verfügung stehen. Ihre Namen sind Bil (Ermattung) und Hjuki (Erholung) und gemeinsam tragen sie das Gefäß Sägr, welches das Mysterium des Seelenwassers bewahrt und die Geburt des ewig kindlichen mit dem mütterlich nährenden Prinzip des Mondes vereint. Im Hintergrund erscheint die Göttin Nott (Nacht), die ihre dunkle Haarpracht öffnet, aus der sich unzählige Sterne in den Kosmos ergießen. Ständig ist dem Mondgott der Riesenwolf Hati auf den Fersen, und wenn er ihm zu nahe kommt, gibt es eine Mondfinsternis.
Wie schon die deutsche Wortwurzel besagt, wird im germanischen Weltbild der Mond als männlich und die Sonne als weiblich verehrt. Auch in skandinavischen Ländern, in denen die Menschen ständig den kalten Elementen widerstehen mussten, wurde die Wachstumsfördernde Wärme der Sonne mit den Eigenschaften des Weiblichen assoziiert, während man das kalte Licht des Mond mit männlichen Attributen belegte. Allgemein richtete sich die Zeitrechnung der germanischen Stämme nach dem Mond und nicht, wie heute üblich, nach der Sonne.
Snorri berichtet in einer märchenhaften Schilderung folgendes: Der Urzeitriese Mundilfari, dessen Name mit „Himmelsumdreher“ oder „Himmelsachse“ übersetzt wird, hatte zwei schöne Kinder. Da er sehr stolz auf diese war, verglich er sie mit den beiden sichtbaren Gestirnen Sonne und Mond. Seinem Sohn gab er den Namen Mani (Mond) und seine Tochter nannte er Sol (Sonne). Als die Götter von den Namen erfuhren, zürnten sie des begangenen Hochmuts und verbannten sie zur Strafe ans Firmament. Dort musste jeder von ihnen in einem Wagen die Erde umfahren, wodurch sich die beiden Geschwister nur selten zu Gesicht bekamen. So ziehen sie seit jeher einsam ihre Bahn.
Als verkörperte Gottheit war Mani für das Zu und Abnehmen der Mondscheibe verantwortlich. Da er sich dieser Aufgabe nicht gewachsen sah, stahl er auf einer seiner Fahrten zwei Menschenkinder die ihn fortan bei seiner Arbeit unterstützen sollten. Die Kinder holten grade Wasser aus einem Brunnen mit Namen Byrgir. Ihr Wassergefäß hieß Sägr und die Stange, die sie auf den Schultern trugen, Simul. Die Menschen nannten sie fortan „die Kinder des Mondes“ und es heißt, dass man sie in klaren Vollmondnächten zuweilen noch sehen kann.
Den alten verbreiteten Volksglauben, dass bei einer Mondfinsternis das Gestirn von einem Untier verschlungen wird, finden wir in der Gestalt des Managarm- Wolfes, der auch Hati (Hasser) oder Mondhund gerufen wird. Die Riesin Gyge hat ihn einst im Jarnwidr (Eisenwald) mit Fenrir gezeugt, damit er und seinesgleichen am Weltenende die Gestirne verschlingen und ewige Finsternis über die Erde bringen sollten.
In älteren Märchen erscheint der Mondgott zuweilen als geheimnisvoller und unsichtbarer Geliebter einer verheirateten Frau, die sich von ihrem Mann ungeliebt und allein gelassen fühlt. Öfters taucht er allerdings als „der Mann im Mond“ in Kindermärchen auf, wo er, je nach Positionierung, einen guten oder einen schlechten Charakter aufweist.
Der Text ist von Voenix, das Buch ist erschienen im Arun-Verlag.
