Wodans Erben - germanisch, heidnisch, religiös

Du bist hier: Schrifttum → Der germanische Götterhimmel → Mimirs Brunnen
Mimirs Brunnen

Mimir ist ein alter weiser Riese, der unter den Wurzeln der Weltenesche Yggdrasil lebt. Er ist der Wächter und Hüter über einen Brunnen, dessen Wasser einem Erkenntnisse in die Geheimnisse des ewigen Seins beschert. Jeden Morgen nimmt der Riese aus einem Horn einen tiefen Schluck von dem Wasser, das direkt aus der Urquelle des Weltenbaumes fließt, weshalb manche Forscher schon die Vermutung äußerten, dass Mimirs Quell mit dem Brunnen der Urd, einer der drei Nornen, identisch ist.

Einst sucht Odin den Riesen auf, da ihm Kunde ereilt hat von dessen großer Weisheit. Als er diesen nun um einen Schluck aus der Quelle bittet, verlangt Mimir einen Gegenwert für das zu erhaltende Wissen. Darauf gibt der Gott eines seiner beiden Augen hin und tauscht damit einen Teil seiner äußeren Sichtweise gegen den Erhalt der inneren Sicht. Mit diesem Wissen ausgestattet, zieht Odin daraufhin wieder von dannen, während sein Auge von nun an als Pfand auf dem Grund der Quelle ruht.

Eine weitere Begebenheit berichtet von Mimir, wie dieser nach Beendigung des großen Krieges zwischen Asen und Wanen als Friedensgeisel ausgetauscht wird. Die Asen entsenden Mimir und Hönir zu den Wanen und erhalten von diesen dafür im Gegenzug Njörd und Freyr. Die Wanen sehen sich jedoch durch Hönirs Entscheidungsunfähigkeit betrogen und schlagen aus Rache Mimir den Kopf ab und senden ihn an die Asen zurück. Darauf salbt Odin des Riesen Haupt mit zauberkräftigen Kräutern ein und spricht magische Formeln darüber, so dass es fortan vor Verwesung geschützt und somit als weiser Ratgeber erhalten bleibt.

In einer Strophe der älteren Edda wird erzählt, wie auf einer Ratsversammlung Mimirs Kopf die Ehre zuteil wird, das Thing (Ratsversammlung) zu eröffnen: „So sprach Mimirs Haupt weise und wahr.“ Als schließlich die Ereignisse der bevorstehenden Ragnarök ihre dunklen Schatten vorauswerfen, heißt es in der Völuspa: „Odin murmelt mit Mimirs Haupt“. Diese Methode der Befragung weist auf ein sehr altes Orakel aus Asien hin, bei dem der Schamane versucht, durch die rituelle Verwendung des Schädels seines Vorgängers, Kontakt zu den Ahnen und deren zu Lebzeiten erworbenem Wissen aufzunehmen. Die Geschichten und Mythen von abgetrennten, sprechenden Köpfen sind ein Hinweis auf die sich immer wieder regenerierenden und erneuernden Kräfte der Natur, die aufzuzeigen, dass nichts Wirkliches verloren geht.

Laut Snorri wurde bei gemeinschaftlichen Opfermahlen an die Götter, ein sogenannter „Minnitrank“ (Andenken, Erinnerungstrunk) umhergereicht, mit dessen Genuss den Taten der Ahnen gedacht und gedankt wurde. Im Mittelalter entwickelte sich hieraus vermutlich der Minnetrank, der später gänzlich in der Liebeslyrik aufging.

Der Text ist von Voenix, das Buch ist erschienen im Arun-Verlag.