Naglfar lautet der Name eines gewaltigen Schiffes, dessen Rumpf gänzlich aus den Fuß- und Zehnägeln verstorbener Menschen gefertigt sein soll. Aus der Gylfaginning ist folgendes über das Auftauchen dieses Schiffes zu vernehmen: Wenn der Fimbulwinter wütet, der eine Wolf die Sonne verschlingt und der andere den Mond, wenn die Erde bebt und Bäume sich entwurzeln, die Midgardschlange Jörmungand sich erhebt und die See aufpeitscht, dann wird auch Naglfar, das Nagelschiff, die Anker lichten. Es ist ganz aus den abgeschnittenen Nägeln verstorbener gemacht, weshalb die Warnung besteht, dass wenn ein Mensch stirbt, man ihm die Nägel schneiden soll, um den Bau des Totenschiffes nicht unnötig schnell voranzutreiben. Hrymir, ein kräftiger Riese, heißt Naglfars Steuermann, und es transportiert all die Riesen, Dämonen und Untoten, welche sich aufmachen, die Götter zu vernichten.
„Nagelfari“ lautet der Name des Gemahls der Göttin Nott. Da Nott die personifizierte Nacht ist, mag eine Verbindung zwischen ihrem Gatten und dem Schiff nicht nur in der Namensgleichheit zu suchen sein. Naglfars Bedeutung als Toten- und Gespensterschiff lässt sich vor allem aus dem Aberglauben des Nägelschneidens schließen, der hier in märchenhaften Zügen einen Brauch der Totenpflege mit dem Kult der Schiffbestattungen verknüpft. Diese fanden in zahlreichen Gebieten entlang der Küsten statt und lassen zumindest vermuten, warum die Vertreter des Chaos und der Zerstörung gerade auf einem Schiff aus dem Jenseits kommen, um ihre Rache zu vollziehen. Jacob Grimm wies bei dem gänzlich aus Nägeln entstehenden Naglfar auf eine Parabel für die ungeheure Ferne und das langsame Zustandekommen des Weltendes hin, ähnlich der Vorstellung vom „Berg der Ewigkeit“, dem alle hundert Jahre ein Vogel nur ein Sandkorn zuträgt.
Das Geisterschiffe bei ihrem Auftauchen als Vorboten nahenden Unheils angesehen wurden, findet sich noch in der bekannt gewordenen Sage vom „fliegenden Holländer“ und dem Geisterkapitän Barent Fokke. Als Mahnmahle des ewig ruhelosen Menschen, der seine Seele einst dem Teufel verkauft hat, sind sie dazu verdammt, bis in alle Ewigkeiten über die Meere zu segeln, um totgeweihten Seefahrern zu erscheinen.
Nach der Völuspa steuert der von seinen Ketten befreite Loki ebenfalls ein Unheilschiff. Dieser segelt von Osten her, den Rumpf voll beladen mit Muspells Söhnen, den Feuerriesen. Ob es sich hierbei um zwei verschiedene Schiffe oder um ein und dasselbe handelt, bleibt undurchsichtig. Ebenso ob Loki, Erzfeind der Götter und später verteufelter Antichrist, möglicherweise erst nachträglich zum Kapitän des Schiffes avancierte. Nicht in Frage gestellt werden muß der brennende Hass, welcher die Riesen und Loki im Kampf gegen die Götter eint. Nach anderer Deutung umschreibt die Silbe „far“ nicht das Schiff, sondern lediglich den Hass und Zorn der Riesen. Woraus zu schließen wäre, dass die Jöten auf ihrem schon lange währenden „nage(l)nden Hass“ dahinfahren!?
Der Text ist von Voenix, das Buch ist erschienen im Arun-Verlag.
