Nidhögg ist die fürchterliche Riesenschlange, die unter einer der gewaltigen Wurzeln der Weltenesche Yggdrasill haust, die tief bis nach Niflheim hinunterreichen. Seit Anbeginn der Zeit liegt sie an der Quelle des Flusses Hvergelmir und pumpt ihr ätzendes Gift in die Wurzeln des Lebensbaums. Dabei wird sie von weiteren etwas kleineren Artgenossen unterstützt, die so zahlreich sind, „dass keine Zunge sie zählen kann“. Die Namen einiger dieser Schlangen werden in der Edda aufgeführt. Ihre Aufgabe besteht einzig darin, durch das ewige Zerfressen der Faserwurzeln zu verhindern, das der Baum zu schnell in die Höhe wächst. Weitere Strophen beschreiben Nidhögg als Leichen fressenden Dämon, was jedoch schon auf immensen christlichen Einfluss hindeutet. Gleich dem höllischen Standgericht liegt der Drache im Wasser und quält die toten Verbrecher, Verräter und Meineidigen. Er saugt ihnen das Blut und die Seele aus dem Leib und zeigt an, was jenen blüht, die sich eines Verbrechens schuldig machen.
Dass der „ewige Neiddrache“ aus dem gesamten Weltgefüge nicht wegzudenken ist, verdeutlicht ein Spruch der Völupsa, wo Nidhögg gegen Ende der Ragnarök als düsterer Drachen über die Schluchten gleitet, um all die Toten und Kampfgefallenen einzusammeln, um sich an ihnen zu mästen. Erst danach entsteht die neue Welt (das goldene Zeitalter), und man gedenkt unweigerlich des Sensen schwingenden Schnitters, der nun über die Schlachtfelder fliegt und reiche Ernte hält. Die Unterweltschlange enthält Züge eines fliegenden Drachen des späteren Mittelalters, was die Vermutung nahe legt, das Nidhöggs „weltumstürzende“ Aufgabe, erst später in Beziehung zum Weltenbaum gebracht wurde. Ein Bild, das möglicherweise durch die schlangenähnliche form von Baumwurzeln geprägt wurde, in dessen Wirrwarr man ohne weiteres ein ganzes Schlangennest hineininterpretieren mag.
Schon früh malten sich die Menschen aus, wohin die Seelen oder Leiber der Verdammten gelangen würden. Diese Vorstellung mit der Schlangen und Drachen auszufüllen, lag nahe, und selbst des Teufels Flügel ließen sich vom Drachen herleiten. Im Volksglauben galt ein verbitterter, vom Pech verfolgter Mensch, lange als Verfluchter, dem ein Unglücksdrache folgte.
Obwohl das negative Bild der Schlange deutlich überwog, sah man sie in einigen ländlichen Gegenden auch als heilbringende, schützende, ja sogar glücksbringende Tiere. Unglück wurde nur jenem zuteil, der versuchte, eine Schlange, der man auch schon einmal den liebenvollen Namen „Hausschlange“ oder „Milchmutter“ gab, zu verjagen, zu töten oder gar zu quälen. Erwähnt sei noch das Eichhörnchen Ratatösk, das dauerhaft am Stamme der Weltenesche rauf unter runter läuft und zwischen Nidhögg und dem auf dem Wipfel throhnenden Aar gehässige Worte austauscht, wodurch sich sehr bildhaft die ewige Feindschaft zwischen Geist und den niederen Instinkten der Natur abzeichnet.
Der Text ist von Voenix, das Buch ist erschienen im Arun-Verlag.
