Odin, Wotan oder Wodan ist der oberste aller Asen, genannt der Allvater. Er ist der Sohn eines Riesenpaares und seine Brüder sind die Götter Wili und We. Der Göttervater weilt in Asgard im Saal Walaskjalf, wo sich sein Hochsitz Hlidskjalf befindet, von dem aus er über alle neun Welten blicken kann. Seine Gattin ist die Göttin Frigg, mit der er die Söhne Balder, Hermod, Bragi und Hödur hat. Mit folgenden Riesinnen zeugt er weitere Söhne: mit Jörd (Fjörgyn) den Thor, mit Rind den Vali, mit Grid den Widar und mit Rans Töchtern den Heimdall. Namen von Odins Töchtern sind nicht überliefert, doch werden diese allgemein in den Walküren angenommen. Begleitet wird er gelegentlich von seinen beiden Raben Hugin und Munin und zwei großen Wölfen, mit Namen Geri (der Gierige) und Freki (der Heißhungrige). Odin bedarf keiner Kost, stattdessen füttert er seine Wölfe mit dem ihm zustehenden Fleisch. Er selbst lebt alleine vom Wein und dem ekstatischen Skaldenmet Odrörir. Täglich genießt er, wie alle Götter, einen goldenen Apfel der Göttin Iduna, welche ewige Jugend und Erneuerung schenken. Er führt den Kriegsspeer Gungnir und besitzt den Wunschring Draupnir, der ihm beständigen Reichtum sichert.
Odin ist Schöpfer-, Toten- und Kriegsgott, Zauberer und Schamane, Gott der Ekstase, Weisheit und Dichtkunst. Als Schamane reitet er auf seinem achtbeinigen Pferd Sleipnir durch die Lüfte. Als durch die Welt ziehender Wanderer, mit Schlapphut und Wanderstab versehen, verhüllt er sich meist in einem dunkelblauen Mantel. Über den verschiedensten Decknamen (es sind über 100 bekannt!) kehrt der Gott bei Riesen, Zwergen und Menschen ein, um sich deren Wissen zu erwerben, sein eigenes weiterzugeben oder seine Günstlinge zu prüfen. Um sich Weisheit anzueignen, erbringt er selbst hohe Opfer und setzt zuweilen auch List ein, um an seine Ziele zu gelangen.
Snorri schildert Odins Wesen als klug, weise und gelehrt. Er spräche nur in Versmaßen und sei so vornehm und schön anzuschauen, dass allen das Herz darüber lache. Doch wenn er im Krieg sei, erscheine er seinen Feinden grimmig und das habe darin seinen Grund, dass er Gestalt und Aussehen ganz nach Belieben zu wechseln vermöge. Er verfüge über die Macht, seine Feinde mit Blindheit, Taubsein und Schrecken zu erfüllen und deren Waffen stumpf zu machen. Seine Leute aber gingen wie Berserker unter die Feinde. Odin fordert Opfer, die ihm mit dem Speerwurf oder durch Aufhängen geweiht werden. Doch nicht niederes Volk, sondern nur die Mutigsten und Edelsten, deren Herrscherhäuser ihre Herkunft meist direkt auf ihn zurückführen, nimmt er auf nach Asgard. Doch offenbart er sich unter ihnen nicht im Glanze seiner Göttlichkeit, sondern meist in unscheinbarer Gestalt, wo er mit Rat und Tat zu Sieg und Ruhm verhilft. Am Ende seiner Gunst verursacht er jedoch selbst deren blutigen Untergang und holt die einstigen Schützlinge heim in seine Kriegerhalle, um dadurch seine Heerbestände für die bevorstehenden Ragnarök aufzufüllen. Als diese nahen, reitet Odin an der Spitze dem Feind entgegen, um im Kampf von dem mächtigen Fenrir- Wolf verschlungen zu werden.
Zeigt Odin sich im Norden vorwiegend als herrschender Göttervater, tritt er sonst gewöhnlich als Sturmgott auf, der über die entfesselten Elemente waltet und im rauschenden Wind den befruchtenden Geist der Weltenweisheit mit sich führt. Die Römer setzten Wodan mit ihrem Gott Mercurius gleich, dem sie den Wochentag Mittwoch (Wednesday) zuordneten. Ortsbezeichnungen wie Wodensweg, Wodenfeld, usw. sind vor allem in Niederdeutschland und England noch verbreitet.
Der Text ist von Voenix, das Buch ist erschienen im Arun-Verlag.
