Ran ist eine alte Meerriesin und die Gemahlin des gewaltigen Ägir. Das düstere Seeweib weist viele typische Merkmale jener finsteren Wassergeister auf, die stets darauf bedacht sind, die Menschen in ihr dunkles Reich hinabzuziehen. Ran liebt vor allem das Gold, welches sie den ertrunkenen abnimmt und in großen Kisten in ihren Sälen hortet. Während gefallene Krieger nach Walhall und sonstig gestorbene nach Hel gelangen, ist Ran für jene Unglücklichen zuständig, die ertrinken müssen. Sie besitzt ein riesenhaftes Netz, das sie über die schwimmenden ausbreitet, um sie damit gnadenlos in die Tiefe zu ziehen. Dieses Netz leiht sie einmal an Loki aus, damit dieser darin den Zwerg Andwari fangen kann. Ein anderes Bild schildert sie als gigantisches Seeungeheuer, das seine Krallen nach den im Sturm treibenden Schiffen ausstreckt.
Der Name „ran“ bedeutet „Raub“, wohl in Anspielung auf ihre unersättliche Gier, mit der sie ganze Schiffsbesatzungen in den Tod zog. Um die Meerriesin zu besänftigen, brachten ihr die Seeleute zuweilen auch Menschenopfer dar. Kam man von einem Raubzug, wurden vor Fahrtantritt oftmals gefangene ins Meer gestoßen. Vor einem zu erwartenden Sturm teilte man zuweilen etwas Gold oder andere wertvolle Kleinode an die Besatzung aus, um damit die Riesin friedlich zu stimmen, falls man sich doch einmal unverhofft vor ihrer unterirdischen Höhle wiederfand. Durch solche freiwilligen Geschenke erhoffte man sich die Gastfreundschaft in ihrer reichen Halle zu erkaufen, in der man großzügig bewirtet werden sollte. Denn so düster die Geschichten um das Treiben und die Mordlust der Meerriesin auch sind, wird doch der Aufenthalt in ihren Sälen als äußerst angenehm geschildert, worin sich die Betörungen der Sirenen wieder finden, die mit ihren Reizen lebensmüde gewordene Seemänner in die Tiefe locken. Wer im Kampf auf den Schiffsplanken dem Tod erlag, wurde zu den Hallen der Seegötter geladen und dort ebenso geehrt, wie jeder andere Krieger.
Die zerstörenden Sturmwellen oder Meereswogen wurden verbildlicht in Rans neun Töchtern, die sie gemeinsam mit Ägir hervorgebracht hat. Kreischend wühlen die Töchter die See auf, danach trachtend, die Schiffe der Menschen umzustürzen, damit diese der immer hungrigen Mutter ins Netz gehen. Die Namen der neun Töchter sind in der Edda aufgeführt und lauten: Gjalp (die Brausende), Greip (die Umkrallende), Eistla (die rasch Dahinstürmende), Eyrgjafa (die Sandspenderin), Ulfrun (die flüsternde Wölfin), Angeyja (die Bedrängerin), Imd (die Dunstige), Atla (die Furchtbare) und Jarnsaxa (die schneidende Kälte).
Es gibt einige Volkssagen und Geschichten, in denen die Geister der ertrunkenen als sogenannte Draugen (Untote) in stürmischen Nächten am Strand umherwandelten. Diese gespenstigen Erscheinungen waren in den kleinen Küstenansiedlungen gefürchtet, da ihr Auftauchen fast immer zur Folge hatte, dass die ran bzw. die See sich ein neues Opfer geholt hatte oder schon bald zu sich rufen würde.
Der Text ist von Voenix, das Buch ist erschienen im Arun-Verlag.
