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Ratatösk, das Flinke

Ratatösk ist die nordische Bezeichnung für das in unseren Breitengraden weit verbreitete Eichhörnchen, das mit einer grösseren Zahl anderer Tiere den germanischen Weltenbaum bevölkert. Dem Eichhorn, auch Nagezahn oder Rattenzahn genannt, kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Oben auf dem Baum Yggdrasill, sitzt der mächtige und weit blickende Adler (Aar), zu dem das Nagetier die Worte der Schlange Nidhögg trägt, die sich voller Neid auf die hohe Position des Adlers, um die Wurzeln der Weltenesche ringelt. Ist diese Botschaft überbracht, lässt sich der Adler über die „niedere“ Schlangennatur aus, worauf Ratatösk seinen Rückweg antritt, um das Gesagte wieder in die Unterwelt zu tragen.

Der Adler, als Symbol der Lichtmächte und Geisteskraft, steht hier offensichtlich als Gegenpart und Feind zu den dunklen Kräften des Bösen, die durch die Schlange verkörpert werden. Dieses Bild der Gegensätzlichkeit existiert in vielen Kulturen und spiegelt den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse bzw. Himmel und Hölle. Warum gerade das Eichhorn mit der Aufgabe des Vermittlers zwischen den beiden unversöhnlichen Mächten versehen wurde, wird durch eine genauere Betrachtung seiner Eigenschaften ersichtlich. Der tagsüber aktive Nager hat sich im Laufe der Evolution erstaunlich gut an das Baumleben angepasst. Mit Hilfe seiner Krallen legt er in kürzester Zeit beträchtliche Strecken zurück, gleich ob zum Wipfel zum Boden oder in umgekehrter Richtung. Schon die Griechen ordneten dieses sprunghafte und quirlige Wesen ihrem Gott Merkur, dem Überbringer von Botschaften, zu. Bei den Germanen wurde das Eichhörnchen mit dem listigen Loki in Verbindung gebracht und damit später, in christlicher Zeit, konsequenterweise mit dem Teufel.

Der Name des Tieres ist indes nicht der Eiche abzuleiten, sondern von der Wortwurzel „aig“ was soviel wie „sich heftig bewegen“ ausdrückt.

Ob nun all die auf dem Weltenbaum lebenden Tiere nun rein nordischen Ursprungs sind oder, wie eine These offen legt, erst von seefahrenden Nordleuten während ihres Aufenthaltes in England gesichtet und von dort aus nach Skandinavien übernommen worden sind, lässt sich heute nicht mehr beweisen. Jedoch mag man ein wenig über die Vorstellung schmunzeln, wie dieses kleine possierliche Tierchen in Windeseile den gewaltigen hohen Weltenbaum rauf und runtersaust, stets eifrig darum bemüht, kleine Boshaftigkeiten zwischen den Widersachern auszutauschen. Das die wahrheitsgetreue Wiedergabe der überbrachten Worte dabei etwas auf der Strecke bleibt, scheint geradezu natürlich, sind es doch oftmals diese kleinen Sticheleinen, welche die Spannung zwischen zwei Gegnern oder Kräften am Leben erhalten.

Der Text ist von Voenix, das Buch ist erschienen im Arun-Verlag.