Wodans Erben - germanisch, heidnisch, religiös

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Snotra, die Kluge

Snotra wird in der Edda als dreizehnte unter den Asinnen aufgezählt, wo sie als weise und von feinem Benimm geschildert wird. Hier erscheint sie im weißen Gewand einer jungfräulichen Priesterin, zurückgezogen vor der Welt hinter den dicken Mauern eines Schutz verheißenden Turmes. Ihre Hände umfassen eine weiße Lilie, Symbol der Reinheit und Keuschheit, jener Tugenden, welche sie sich verschrieben hat. Ein weißer Schwan, sehnsüchtiges Sinnbild der idealisierten Liebe, zieht einsam seine Bahnen in einem Teich unter ihrem Fenster.

Nach ihrem Namen sollen kluge Männer wie Frauen, denen die Mäßigkeit zu eigen ist, „snotr“ gerufen werden. Neben der Tatsache, dass sie als eine der dienenden Jungfrauen der Göttin Frigg erscheint, ist nicht viel mehr über Snotra bekannt, die ihrer Genügsamkeit entsprechend, an keiner weiteren stelle von sich reden macht. Snorri, der als Verfasser der Prosaedda selbst nur über unvollständige Informationen verfügte, suchte die Eigenschaften jener unbedeutsameren Göttinnen wie Hlin, Syn, Saga, Vör oder War aus deren Namen abzuleiten. So dürfen die aufgezählten Göttinnen allenfalls als weibliche Schutzgottheiten gesehen werden, denen bestimmte Teilbereiche des häuslichen und privaten Lebens zugeordnet wurden, ähnlich der Verehrung, die lange Zeit dem Matronenkult zuteil wurden.

Snotras relativ junges Auftreten und Wesen ist offensichtlich schon durch die Etikette des höfischen Lebens geprägt, in welchem die aufkommenden christlichen Tugenden in zunehmendem Maße eine wichtigere Rolle spielten. Von den vier klassischen Kardinaltugenden: Tapferkeit, Gerechtigkeit, Klugheit und Mäßigkeit, werden ihr zumindest zwei zugeschrieben. Dass Jungfrauen gegenüber verheirateten Frauen eine überlegene macht zugesprochen wurde (und teilweise noch immer wird), findet sich in Glauben zahlreicher Völker. Die vielgepriesene und hochgehaltene Keuschheit der Kirche, die zum Sinnbild eines sittsamen und gottesfürchtigen Lebens wurde, findet ihre Wurzeln in uralten Tempelkulten, wo die Initiantinnen und künftigen Priesterinnen ihr leben und ihren Körper der großen Göttin weihten und, stellenweise als heilige Prostituierte zu deren ehrfürchtigen Vertreterinnen geworden, ihr Amt ausübten. Die traditionelle christliche Denkweise hingegen stützte sich vor allem auf die unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria, die angeblich ohne „fleischliche Begierden“ den heiligen Geist in sich empfangen hatte. Diese körperfeindliche Geisteshaltung stand der sinnlich betonteren Lebensweise des Heidentums stark ambivalent bis feindlich gegenüber. Verstärkt wurde das Idealbild des sittsamen und braven Burgfräuleins im späten Mittelalter durch das auftreten der fahrenden Minnesänger und Troubadoure, die mit ihrer schmachtenden Liebeslyrik die von der Welt weggesperrten Frauen noch bis ins Unerträgliche zu erhöhen wussten. So erzog man über Jahrhunderte hinweg junge Frauen zu gelangweilten Schoßhündchen, die sich ihrem zukünftigen, meist völlig unbekanntem Gatten, in Demut hinzugeben und unterzuordnen hatten.

Der Text ist von Voenix, das Buch ist erschienen im Arun-Verlag.