Lokis Strafe wird über diesen durch die Götter aufgrund eines schweren Vergehens verhängt. Aus der Gylfaginning erfahren wir, dass Loki angeblich in Gestalt der Riesin Thökk verhindert, dass Odins Sohn Balder, in den Götterhimmel zurückkehren darf. Darauf eröffnen die aufgebrachten Götter eine Hetzjagd auf ihn. Nahe des Wasserfalls Franangr versteckt sich Loki in einer Berghütte, die er mit jeweils einer Türe in jeder Himmelsrichtung versieht. Während er dort sitzt und darüber sinnt, was den Asen wohl einfallen könnte, um ihn zu fangen, knüpft er sich ein Netz zum Fischen. Als die Götter nahen, wirft er das Netz rasch ins Feuer, verwandelt sich blitzschnell in einen Lachs und springt in den nahen Fluss. Als die Asen zu dem Hause kommen, entdecken sie die verkohlten Reste des Netzes, ziehen daraus ihre Schlüsse und beginnen damit, ein eigenes Netz zu erstellen. Als dies geschehen ist, fischen sie nach Loki, dem es jedoch mehrere male gelingt, durch die Maschen zu schlüpfen. Schließlich gelingt es Thor, ihn am Flossenende zu packen und kräftig zuzudrücken. Seitdem, so sagt man, sei der Lachs hinten schmal. Darauf wird der Ränkeschmied in eine unterirdische Felsenhöhle gebracht und auf drei kantige Steinbrocken gekettet. Als Fesseln verwenden die Götter die Gedärme von Lokis beiden Söhnen Wali und Narfi, die man ebenfalls in die Höhle schleppt und tötet. Zuletzt nimmt die Göttin Skadi, Lokis alte Erzfeindin, da dieser Schuld am Tode ihres Vaters trägt, eine Giftschlange und befestigt diese an einem Ast über Lokis Kopf, so dass deren gift ihm auf immer ins Gesicht tropfe. Nur Sigyn, Lokis treue Gattin, steht neben ihm und hält eine Schüssel dazwischen. Ist die Schale voll und muss gelehrt werden, fallen die Tropfen in Lokis Gesicht. Dann zuckt er so heftig, dass die ganze Erde erbebt. So liegt der Unhold gebunden bis zu den Ragnarök.
Nach dem Lied von „Lokis Zankreden“, erfolgt dessen Fesselung als Strafe für den Mord an Firmafeng, einem Diener des Meeresriesen Ägir, der die Götter zum Gastmahl geladen hat. Loki, der darauf vom Gelage ausgeschlossen wird, beschimpft nun alle Anwesenden und gesteht stolz all seine ruchlosen Taten. Vermutlich diente dem Verfasser des Liedes die Bestrafung Lokis als sinnvolle Einkleidung und Abschluß seines Scheltegedichtes. Ebenso ist nicht auszuschließen, dass es sich bei beiden ermordeten Gestalten, Balder und Firmafeng, ursprünglich um ein und dieselbe Person gehandelt hat.
Lokis Leib wird an drei zugehauene Felsen geschmiedet. Auffallende Gesteinsformen wurden vielfach als Sitz übernatürlicher Kräfte angesehen, in denen man zuweilen versteinerte Menschen erblickte, die so für ihr Vergehen bestraft worden waren. Auch der Glaube, dass Erdbeben und Vulkanausbrüche als Strafe der Götter gedeutet werden, hält sich bei vielen Menschen bis zum heutigen Tage. Das Bild des gefesselten Unholds findet sich vielfach in der christlichen Ikonographie, die den in Ketten gelegten und überwundenen Satan beim Sturz in den Abgrund zeigt. Loki wurde später von der Kirche mit der Gestalt des Teufels gleichgesetzt, so dass es nicht weiter verwundert, ihn in ebensolcher Weise verurteilt vorzufinden. Das die sage um die Fesselung Lokis ihre Wurzeln in der christlich geprägten Vorstellung vom jüngsten Gericht und dem Erscheinen des Antichristen findet, bleibt somit anzunehmen.
Der Text ist von Voenix, das Buch ist erschienen im Arun-Verlag.
