Der Begriff des goldenen Zeitalters, der nicht nur bei den germanischen Völkern bekannt war, bezieht sich gewöhnlich auf eine schon einmal da gewesene Epoche, in der höheres Wissen, Wohlstand, Frieden und damit die intensivere Verbindung zum Göttlichen existierten. In der Völuspa berichtet eine alte Seherin von der Entstehung der Welt und der Zeugung der Götter. Diese machen sich daran, die Welt nach ihrem Willen zu formen, erstellen sich Wohnsitze und schaffen die Vorraussetzung für ein vollkommenes Dasein. In ausgelassener Fröhlichkeit widmen sie sich Spielen und dem Müßiggang, solange, bis die drei Schicksal webenden Nornen auftauchen, mit deren Ankunft die Unschuld weicht. Machtstreben und die Gier nach Gold erwachen, und es kommt der erste Krieg in die Welt. Das Unabwendbare nimmt seinen Lauf und gipfelt schließlich in dem Mord an Balder. Die Ragnarök beginnen, der Weltenbaum erbebt, und die Schicksale der Götter erfüllen sich. Dann, nachdem die alte Welt versunken ist, steigt eine neu ergrünte Welt empor, eine weitere Generation von Göttern nimmt ihre Plätze ein, und der Gift säende Neiddrache Nidhögg muß vergehen. Auch zwei Menschen mit Namen Lif und Lifthrasir haben die Katastrophe überlebt. Das Geäst des Baumes Hodmimir (Yggdrasill) bot ihnen Schutz und Nahrung vor dem alles versengenden Weltenbrand des Feuerriesen Surt. Neue junge Triebe sprießen unter der verkohlten Rinde hervor und die Natur präsentiert sich in einem satten Grün. Auf einer Wiese entdecken sie glänzende Goldtafeln, auf denen sich die kosmischen Gesetze der neuen Göttergeneration finden.
Vor allem die letzten Strophen des Liedes hegen nicht unbegründeten Verdacht, bereits aus christlichen Quellen übernommen worden zu sein, wenngleich ähnliche Versionen auch in anderen Kulturen existieren. Allen Schilderungen geht jedoch die Erinnerung an einen ursprünglichen paradiesischen Zustand voraus, der erst die Voraussetzung für seine ersehnte Rückkehr erschafft. Im Zusammenhang mit dem goldenen Zeitalter wird häufig auf einen Zeitabschnitt in der dänischen Geschichte verwiesen, der unter dem Namen „Frodis Frieden“ bekannt wurde. Frodi, ein sagenhafter König aus dem Geschlecht der Skjöldungen, zeichnete sich während seiner Amtszeit durch eine Periode lang andauernden Friedens aus. Eine Ära, die angeblich weder Hungersnöte noch kriegerische Auseinandersetzungen kannte und den Menschen lange Zeit in Erinnerung blieb.
Die Rettung der beiden Menschen Lif (Leben) und Lifthrasir (Leben begehrend), die im Schutz der Weltenesche alle Naturkatastrophen überlebt haben, versinnbildlichen die menschliche Neuschöpfung. Ihre Wiedergeburt aus dem Baum, der sie gleichzeitig ernährte, folgt dem Glauben sehr alter matriarchalischer Baumkulte, in denen man die Toten ins Holz legte oder hängte. Da schon die ersten Menschen (Ask und Embla) aus Holz gemacht waren, lag es nahe, Bäume, welche die Weltenesche symbolisierten, als Pforten in die andere Welt zu nutzen. Die von dem überlebenden Paar gefundenen Goldtafeln können somit durchaus als Metapher für den neuen, ganzheitlichen Menschen verstanden werden, der in dieser nun „gereinigten“ Welt seine Bestimmung und Vollendung finden soll.
Der Text ist von Voenix, das Buch ist erschienen im Arun-Verlag.
